Archiv des Autors: Matthias Forstner

John Fettermans Sieg gegen den dis-/ableistischen Diskurs in der Politik

Potraitfoto von John Fetterman

John Fetterman, Quelle: Flickr – Governour Tom Wolfe [B1]

 

In den Mid-Term Elections am 8. November konnte sich der Demokrat John Fetterman (53) im Kampf um einen Senatssitz für den US-Bundestaat Pennsylvania klar gegen den zuvor vor allem als TV-Arzt bekannten Trump-Freund Mehmet OZ (62) durchsetzen. Er konnte 50,7 % der Stimmen holen, in einem Wahlkampf der zuvor als Kopf and Kopf Rennen eingestuft wurde [1].

Dies ist aus einer Disability Studies Perspektive deshalb interessant, da Fetterman vor einem halben Jahr einen Schlaganfall hatte und sich im Wahlkampf noch in der Phase der Rekonvaleszenz befindet. Dieser Beitrag wird sich folglich auch gar nicht mit Fettermans politischen Positionen und deren Auswirkung auf seinen Sieg beschäftigen, sondern nur mit dem Diskurs um ihn als politischen Kandidaten mit bestimmten Beeinträchtigungen. Aufgrund einer noch verbleibenden auditiven Störung verwendete er bei TV-Auftritten schriftliche Untertitel (closed captioning), um die Fragen richtig erfassen zu können. Spätestens seit dem TV-Duell [8] zwischen den beiden Rivalen wurde der Gesundheitszustand des Demokraten ein wichtiges Thema der Medienberichterstattung und -spekulation. Tatsächlich unterliefen dem Politiker Fehler, er versprach sich, redete undeutlich oder sprach Wörter falsch aus [3]. Dies wurde im Nachhinein nicht nur von den politischen Gegner-innen als wahlrelevant eingestuft, sondern löste auch heftige Reaktionen auf Twitter aus. Der Journalist Andrew Feinberg twitterte:

Sorry Democrats, but Fetterman lost the race tonight. He’s in no way able to communicate clearly or effectively, and agreeing to this debate was political malpractice in the first degree. Whoever told him to do is should be finished in electoral politics.

Auch die Journalistin Olivia Nuzzi ließ einen scheinbar gut gemeinten Tweet los:

There is no amount of empathy for and understanding about Fetterman’s health and recovery that changes the fact that this is absolutely painful to watch.

Bei seinem ersten TV-Interview beim Sender NBC [9] verwendete der Politiker auch einen sehr sichtbaren Bildschirm von dem er die Fragen als Untertitel ablas und wurde deshalb mit besonders penetrant kritischen Fragen über seinen Gesundheitszustand und damit einhergehend seiner Eignung für das politische Amt konfrontiert. Er wurde auch aufgefordert, sämtliche Informationen zu seinem Gesundheitszustand offenzulegen oder seine Ärzt-innen eine Pressekonferenz geben zu lassen [2, 9]. Dieses besondere Augenmerk auf den gesamten Gesundheitszustandes eines Kandidaten mit Behinderung wird in den (sozialen) Medien jedoch auch heftig kritisiert [10], zumal der Politiker ärztliche Stellungnahmen vorweisen kann, die bestätigen, dass er sich gut erholt hat und aus gesundheitlicher Sicht geeignet für das Amt ist [2, 4, 7]. Auch andere Expert-innen in den Medien stimmen zu und weisen darauf hin, dass es unzulässig sei, von Problemen bei der Aussprache oder der auditativen Wahrnehmung auf die kognitive Leistungsfähigkeit zu schließen, obwohl gerade ersteres im Alltag nicht unüblich ist [2, 4, 6, 15]. Zudem ist es unzulässig von der Tatsache, dass eine Person einen Job nur unter Zuhilfenahme bestimmte Anpassungen oder Hilfsmittel erledigen kann, zu schließen, dass sie insgesamt schlechter geeignet sei für diesen Job als Menschen, die solcher Hilfsmittel nicht bedürfen [2].

In diesem Zusammenhang meldeten sich auch Disablity Aktivist-innen zu Wort welche in Tweets wie den oben angeführten sehen, dass Beeinträchtigungen immer noch stark stigmatisiert und mit Schwäche und genereller Unfähigkeit assoziiert werden [3, 4, 5], die wie Nuzzi’s Tweet zeigt selbst bei gut Gesinnten Unbehagen hervorruft. Die Journalistin Erin Biba drückt dies so aus:

The thing about her [Nuzzi] saying this quiet part out loud is that it’s likely the majority of abled people feel this way and cannot or will not admit it, not even to themselves. Ableism truly is that ingrained in abled society.

Dabei war die Fitness von Politiker-innen immer wieder Thema in den Medien, vor allem wenn diese älter sind und Fehler in der Aussprache machen oder ungewöhnliche Sprachmuster aufweisen. In den USA wurden sowohl Trump als auch Biden vom politischen Gegner als altersdebil und aus gesundheitlichen Gründen ungeeignet fürs Amt bezichtigt, im österreichischen Wahlkampf gab es ähnliche Anschuldigungen gegen Alexander van der Bellen [14]. Zwei der erfolgreichsten US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy mussten ihre Beeinträchtigungen verstecken. Diese selbst konnten ihre Erfolge nicht stoppen, doch konnten oder wollten sie es sich nicht leisten, als behindert und damit schwach wahrgenommen zu werden [11 12, 13].

 

Bild von Franklin D. Roosvelt im Rollstuhl mit kleinem Kind

Franklin D. Roosevelt, Quelle: Wikimedia.org [B2]

Eric Buehlmann, Policy Directer des National Disability Networks und früher im Senat tätig, kritisiert auch, dass von der Performance bei einem verbalen Schlagabtausch im TV, bei dem es vor allem darum geht, blitzschnell Soundbites für die Medien zu produzieren, auf die Leistungsfähigkeit im Kongress geschlossen wird [6].

You are not making snap decisions in milliseconds, you are not sitting there waiting to push the red nuclear button. You spend a lot of time talking with other members, you spend a lot of time debating and thinking and putting down those thoughts on paper….those are things that I saw that Fetterman is eminently capable of doing.

Demnach liegt der Dis-/Ableismus darin, von Schwierigkeiten beim spontanen Ausdruck im Rahmen des TV-Duells einerseits und dem Bedarf an schriftlichen Untertiteln anderseits unberechtigterweise auf eine verringerte Eignung für die politische Tätigkeit zu schließen.

Andere Stimmen wie Maria Town, Präsidentin und Geschäftsführerin der American Association of People with Disabilities, gehen noch weiter. Sie kritisiert die kulturelle Funktion des gegenwärtigen Diskurses rund um die gesundheitliche Eignung für politische Ämter („fit for office“) als diskriminierend [4]. Was wäre, wenn in Fettermans Fall (leichte) kognitive Defizite zurückgeblieben wären, würde dies ihn dann automatisch ungeeignet machen? Diese Frage ohne weiteres Nachdenken pauschal mit Ja zu beantworten, sei demokratiepolitisch und hinsichtlich der Repräsentation von marginalisierten Gruppen zumindest problematisch. Ähnliches meint auch die politische Beraterin und Gemeinschaftsorganisatorin für Behinderungsthemen Sara Blahovec [2].

To say that anyone with a cognitive disability is inherently disqualified from serving in an elected office is just a really big claim that alienates millions of people.

Im Wahlkampf wurde zudem von Behinderungsaktivist-innen befürchtet, dass das Misstrauen, das Fettermans Eignung entgegenbracht wird, andere Menschen davon abbringen könnte, die eigenen Beeinträchtigungen so offen zu legen wie dieser und sie eher geneigt sein werden, die Route von FDR und JFK zu nehmen [11, 12, 13]. Dass der Kandidat aber trotz der Angriffe und Stigmatisierung gewonnen hat, könnte jedoch eine Signalwirkung in die richtige Richtung sein. Auch die Tatsache, dass nun eine Person mehr den normalen Kongress-Alltag mit technischen Hilfsmitteln bestreitet [5]. Dazu meint die feministische Disability Studies Forscherin Rosemarie Garland-Thomson [5].

Witnessing people who have pretty significant disabilities doing a job that we imagine they can’t do is itself an important function.

Zudem widerspricht der groß gewachsene Politiker mit seiner kräftigen Statur und seinem Arbeiterklassen-Habitus der Gleichsetzung von Behinderung bzw. der Benützung von Hilfsmittel mit Schwäche [5], so dass seine zukünftige Präsenz als sichtlich „Behinderter“ auch diesbezüglich gute Wirkungen bringen könnte.

 

Literatur

[1] Klare Entscheidung in Pennsylvania, Beitrag in Süddeutsche Zeitung von Nicholas Freund (9. November 2022)

[2] Fetterman stroke sparks debate over what’s seen as a disability, Beitrag auf TheHill.com von Zack Budryck und Cheyanne M. Daniels (26. Oktober 2022)

[3] “Examine your ableist instincts”: Critics mocked John Fetterman’s debate performance after stroke, Beitrag auf Salon.com von Areeba Shah (26. Oktober 2022)

[4] Disability activists say John Fetterman stroke controversy has veered into ableist territory, Beitrag auf Salon.com von Matthew Rosza (1. November 2022)

[5] John Fetterman survived a stroke. It could be an asset if he’s elected, Beitrag auf Vox.com von Keren Landmann (26. Oktober 2022)

[6] ‘A lens of empathy’: disability advocates on John Fetterman and leadership, Beitrag in The Guardian von Wilfred Chan (27. Oktober 2022)

[7] Should voters be concerned over Fetterman’s cognitive ability after his stroke? Interview Alison Chung mit Dr. Dhruv Khullar auf NPR (26. Oktober 2022)

[8] Pennsylvania U.S. Senate Debate (26. Oktober 2022)

[9] TV-interview von John Fetterman durch Dana Burns, auf NBC (12. Oktober 2022)

[10] NBC Reporter Backpedaling After Badgering John Fetterman For His Stroke, Beitrag bei Young Turks von Ana Kasparian und John Iadarola (13. Oktober 2022)

[11] How FDR kept his partial paralysis a secret from the American public — even while he was on the campaign trail, Beitrag auf Business Insider von Tom Porter (10. Mai 2019)

[12] In J.F.K. File, Hidden Illness, Pain and Pills, Beitrag in New York Times von Lawrence K. Altman und Todd S. Purdum (17. November 2002).

[13] John F. Kennedy kept these medical struggles private, Beitrag in PBS News Hour von Howard Markel (22. November 2019)

[14] Virales Dirty Campaigning gegen Alexander van der Bellen, Beitrag auf derstandard.at (2. Juli 2016)

[15] U.S. Senate candidate Fetterman releases doctor letter saying he is OK, Meldung von Reuters (19. Oktober 2022)

Links zu Bilder:

[B1] https://www.flickr.com/photos/governortomwolf/51951626312

[B2] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FDR-Wheelchair-February-1941.jpg

Vielfältige Barrieren an österreichischen Hochschulen

Einleitung: Barrieren an der Akademie der Bildenden Künste

Quelle: Pixabay, User-in: Geralt

Phillip Muerling verlässt seinen Rollstuhl, legt sich zu Füßen der kalten Betontreppe der Wiener Kunstakademie und versucht sich mühsam in einer Art Liegeposition entlang des Geländers hochzuhangeln, nur um erneut die Unmöglichkeit des Vorhabens zu demonstrieren. Mit dieser Performance will der einzige und erste Studierende im Rollstuhl in der 300-jährigen Geschichte der Kunstakademie deren fehlende Barrierefreiheit aufzeigen. Trotz kürzlicher Renovierungen des altehrwürdigen Gebäudes ist der Haupteingang nur durch die Treppen und somit u.a. nicht für Phillip erreichbar. Als Grund für die Aufrechterhaltung dieser Barriere wird der Denkmalschutz angegeben (für mehr zum Denkmalschutz: siehe Denkmalschutz barrierefrei – eine Annäherung von Barbara Sima Ruml in OIB aktuell 2022 (1), –Leseprobe).

Deshalb muss der Kunststudent im Alltag einen umständlichen Nebenweg über Kopfsteinpflaster, automatische Türen und eine Rampe bestreiten. Wobei sein Rollstuhl öfter in den Bodenrillen stecken bleibt und auch der Türöffner nicht immer den gewünschten Dienst erweist. Mit der täglichen Wiederholung der Performance fordert er die Kunstakademie zum Handeln und zum Beenden der Benachteiligung auf: „Entweder wird mein Körper brechen oder das Rektorat“, so der Künstler lachend in einem „Kultur Heute“ Video.

Dabei ist Phillip Muerling aber bei weitem nicht der einzige Mensch mit Behinderungen, der im Universitätsalltag ständig gegen Barrieren ankämpfen muss. Die Studierenden-Sozialerhebung 2019 zählt 31.900 Studierende mit studienerschwerenden Beeinträchtigungen in Österreich. Das ergibt 12,2 % (14 % bei Frauen, 11 % bei Männern) aller Studierenden. Die häufigsten Beeinträchtigungen sind psychische Erkrankungen (5 % aller Studierenden) und chronisch-somatische Krankheiten (3,2 %). Während der Anteil der Studierenden mit psychischen Belastungen in Vergleich zu 2012 um 1,2 Prozentpunkte stieg, sank derjenige von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sowie Seh-, Hör- und Mehrfachbeeinträchtigungen im selben Zeitraum.

Dokumentierte Barrieren für österreichische Studierende

Mit der Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention hat Österreich das Recht auf Bildung von Menschen mit Behinderungen bestätigt und sich dazu verpflichtet, dass sie dieses Recht gleichwertig und ohne Diskriminierung innerhalb auf allen Ebenen inklusiven Bildungssystem wahrnehmen können: 

Um dieses Recht [auf Bildung von Menschen mit Behinderungen] ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen (UN-BRK, 24 (1))

In der Praxis haben Studierende mit Behinderungen jedoch tagtäglich mit Hindernissen und widrigen Umständen zu kämpfen: z.B. untauglichen Straßenbahnhaltestellen, nicht ausreichend barrierefreien Bibliotheken oder Studienmaterialien sowie Aufzügen, die entweder zu klein oder wie z.B. Treppenlifte sehr unpraktisch oder schlecht gewartet und öfter defekt sind. Zudem sind Aufzüge oft für schwere E-Rollis nicht geeignet. Auch emotionale und verhaltensbezogene Barriere auf Seiten der Kommiliton-innen, der Dozent-innen oder der Verwaltung erschweren das Studium mit Behinderung.

Diese Benachteiligung wirkt sich auch auf den Studienerfolg aus. In der Studierenden Sozialerhebung 2019 stuften die Befragten mit Behinderungen ihre Studienleistung häufiger als etwas oder viel schlechter als ihre Peers ohne Behinderungen ein. Zudem zeigt der Bericht, dass diese Gruppe am meisten von finanziellen Notlagen betroffen ist: So gaben 36 % der Studierenden mit studienerschwerenden Beeinträchtigungen an, (sehr) starke finanzielle Schwierigkeiten zu haben.

Im Prüfbericht „Barrierefreies Arbeiten und Studieren an Universitäten“ des Rechnungshofes von 2022 wurde die Situation an zwei Hochschulen: TU-Graz sowie BOKU Wien genauer evaluiert und zahlreiche Missstände aufgezeigt. Zwar wurden in beiden Universitäten Maßnahmen zur Barrierefreiheit beschlossen, doch wurde nicht alles umgesetzt und bestehende Hilfen wie z.B. das taktile Leitsystem der Uni Graz als untauglich kritisiert. Vorhandene Hilfs- und Unterstützungsleistungen werden zu wenig kommuniziert und sind deshalb vielen Anspruchsberechtigten unbekannt. Auch wird bemängelt, dass das Thema Behinderung sowohl in Informationsmaterialien für (potentielle) Studierende als auch im Weiterbildungsangebot für das Lehrpersonals viel zu wenig präsent ist. Deshalb soll das Thema und vorhandene Hilfen stärker publik gemacht und auch in der Weiterbildung der Lehrenden mehr vorkommen, u.a. in der Form von Ausbildungen zur Erstellung barrierefreier Dokumente.

Schließlich wird auch eine Vereinheitlichung des Zugangs zu adaptierten Prüfungsmodalitäten gefordert. Gemäß dem Bericht muss es ausreichen, eine fachärztlich bestätigte Funktionsbeeinträchtigung vorweisen zu können und es soll nicht mehr nach einer diagnostizierten Krankheit oder „Schädigung“ gefragt werden dürfen.

Uni-Jobs für Menschen mit Behinderungen

Die vom Rechnungshof untersuchten Missstände betrafen nicht nur Studierende, sondern auch das Universitätspersonal. Laut Behinderteneinstellungsgesetz ist auf je 25 Bedienstete mindestens eine „begünstigte behinderte“ Person zu beschäftigen. Wenn ein Dienstgeber diese Verpflichtung nicht erfüllt, muss er eine Ausgleichstaxe zahlen. Im Dezember 2020 hatte keine einzige Universität ihre Einstellungspflicht vollständig erfüllt. Nur 980 (44 %) der 2.216 Pflichtstellen waren mit Menschen mit Behinderungen besetzt. Die Universitäten hatten daher im Jahr 2020 laut Rechnungshofbericht– wegen Nichterfüllung der Vorgaben des Behinderteneinstellungsgesetzes – ca. 5,33 Mio. EUR an Ausgleichszahlungen zu leisten.

Die Einstellungspflicht war auf einer Bandbreite von 90 % und darüber (Universitäten Graz und Klagenfurt) bis weniger als einem Drittel (sechs Universitäten) erfüllt. Bei nur 7 von 22 Universitäten liegt sie über 50 % und im Durschnitt bei 44 %.

Dieses Versagen geeignete Menschen mit Behinderungen lukrieren zu können bedeutet nicht nur eine finanzielle Einbuße, sondern auch, wie der Rechnungshofbericht an vielen Stellen anmahnt, dass die höheren Bildungsanstalten damit ihrer sozialen Vorbildfunktion nicht nachkommen. Durch Inklusion auf allen Ebenen im öffentlich finanzierten Bereich könnten Impulse an die breite Gesellschaft und die Privatwirtschaft gesendet und das Potenzial von Menschen mit Behinderungen aufgezeigt werden.

Besonders krass ist der Missstand im wissenschaftlichen Personal. Dies ist besonders bedauernswert, da die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen hinter Hörsaal-Rednerpulten eine wichtige Signalwirkung an Studierende und andere Universitätsbedienstete mit und ohne Behinderungen ist. Der Rechnungshof forderte einen Erfahrungsaustausch von Best-Practices in der universitären Personalpolitik. So wurde unter anderem kritisiert, dass im Untersuchungszeitraum weder die TU Graz noch die BOKU Wien Ausschreibungen auf Plattformen, die sich besonders an Menschen mit Behinderungen richten, veröffentlicht hat. Am 2019 lancierten Projekt PromoLi, welches Dissertationsstellen für Menschen mit Behinderungen fördert, nahmen nur neun österreichische Universitäten teil. Weitere Karriereförderungsprogramme für Menschen mit Behinderungen konnte der Rechnungshof bei den beiden Hochschulen nicht feststellen, was kritisiert wurde.

Barrieren für Wissenschaftler-innen mit Behinderungen

Neben der Einstellungspolitik können zumindest beim wissenschaftlichen Personal jedoch auch Barrieren für bereits tätige Wissenschaftler-innen mit Behinderungen für die schlechte Quote mitverantwortlich sein, insofern sie diese Tätigkeit unattraktiv oder gar unmöglich zu bewältigen machen. Diesen Barrieren geht der Rechnungshofbericht jedoch nur in geringem Umfang nach. Es wurde nur ausgeführt, dass im Betriebsrat beider Universitäten eine Behinderungsvertrauensperson vorhanden ist und löblich erwähnt, dass die BOKU Wien zusätzlich eine Stabstelle zur Betreuung von „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ eingerichtet hat, die 2021 erweitert wurde zur “Koordinationsstelle für Gleichstellung, Diversität und Behinderung.“

Um mehr zur Marginalisierung und den multiplen Benachteiligungen, denen Akademiker-innen mit Behinderungen ausgesetzt sind, zu erfahren, muss die Literatur herangezogen werden. Unter „Ableism in Academia“ hat Nicole Brown (University College London) im internationalen Rahmen Stigmatisierungsfallen und Barrieren dokumentiert. Brown weist darauf hin, dass viele Wissenschaftler-innen mit nicht sichtbaren Beeinträchtigungen (wie z.B. psychische Erkrankungen) diese oft nicht offenlegen. Dies bedeutet, dass die obigen Zahlen, das Ausmaß an von Behinderung betroffenen Menschen unterschätzen. Es findet vielmehr eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung der betreffenden Wissenschaftler-innen statt, der zufolge die Angst vor Stigmatisierung und Marginalisierung den versprochenen Nutzen der Offenlegung oft übersteigt. Die Behinderung dieser Menschen erfolgt dann durch ableistische Anforderungen, die zu erfüllen für sie u.a. aufgrund der gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen schwerer ist als für ihre Kolleg-innen ohne Beeinträchtigungen. Uni-Mitarbeiter-innen mit Behinderungen werden oft in Bezug auf ihre akademische Arbeit und auf Kosten ihrer Fachreputation marginalisiert oder von vornhinein auf Behinderung oder Aktivist-in-Sein reduziert. Zudem sei auch der bereits internalisierte Ableismus, vor allem in Bezug auf Anforderungen des akademischen Lebens (Publikationszwang, Lehrverpflichtung, Mobilitätsdruck, administrative Tätigkeiten…) ein großes Problem. In ihrer prekären Situation fühlten sich viele Wissenschaftler-innen und Lehrende mit Behinderungen deshalb paradoxerweise gleichzeitig „invisible und hypervisible“ (Brown & Ramlackhan 2021, 1232).

Schluss: Parlamentarische Anfrage

Als Reaktion auf den oben erwähnten Rechnungshofbericht haben Nationalratsabgeordnete am 08.09.2022 die parlamentarische Anfrage „Barrierefreihei an Universitäten gestellt. Die Punkte, zu denen mehr Information vom Ministerium für nachgefragt wird, betreffen:

  • die zeitliche Veränderung der zu zahlenden Ausgleichstaxe der Universitäten,
  • die Weiterbildungsmaßnahmen des Personals in Bezug auf Behinderung
  • eine genaue Aufschlüsselung der Studierenden mit Behinderung
  • die Pädagog-innen-Ausbildung
  • die angebotenen abweichenden Prüfungsmethoden für Menschen mit Behinderungen an den einzelnen Universitäten
  • Die Abschlussquote- und die Drop-Out-Rate von Studierenden mit Behinderungen

Vielleicht können diese Informationen dazu beitragen, die in diesem Blogbeitrag besprochenen Barrieren an österreichischen Hochschulen für Studierende und Mitarbeiter-innen zu verringern. Dazu gehört, dass es Phillip Muerling verwehrt wird, wie ein „normaler“ Student den Haupteingang zu nutzen und er sich auf einen umständlichen Nebenweg ins Gebäude schleusen muss, genauso wie die zahlreichen anderen strukturellen und architektonischen Barrieren für Studierende und Universitätsbedienstete, die oben genannt wurden, wie die Tatsache, dass an österreichischen Universitäten nicht einmal die gesetzlich geforderte Anzahl von „begünstigt behinderten“ Menschen eingestellt wird. Dies ist notwendig, damit die in der UN-Behindertenrechtskonvention verbrieften Rechte auf Bildung und Arbeit wahrgenommen werden können.

Links und Quellen

Beiträge zu Phillip Muerling:

Besuch mit Barriere“ Beitrag auf Ö1-Leporello (12. Oktober)

Kunstprotest: Barrierefreiheit an Universitäten endlich umsetzen“ Beitrag auf Bizeps von Katarina Müllebener (07. Oktober)

Kunstperformance als Protest“ Beirag auf Wien heute (7.  November)

Kunstaktion für barrierefreie Uni“ Beitrag auf FM4 von Barbara Koeppel (4. Oktober)

Vimeo-Kanal von Phillip Muerling

Weitere Links und Quellen:

Brown, Nicole; Ramlackhan, Karen (2022): Exploring experiences of ableism in academia: a constructivist inquiry. In: Higher education 83 (6), S. 1225–1239. DOI: 10.1007/s10734-021-00739-y

Brown, Nicole (2021): Trotz Fleiß kein Preis? Akademiker:innen mit Behinderungen und ihr Zugang zu künstlerischen und wissenschaftlichen Karrieren. Vortrag an der Johannes Kepler Universität Linz. Online verfügbar unter: https://dista.uniability.org/2021/01/trotz-fleiss-kein-preis-akademikerinnen-mit-behinderungen/

Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) (Hg.) (2016): UN-Behindertenrechtskonvention. Deutsche Übersetzung der Konvention und des Fakultativprotokolls. Wien. Online verfügbar unter: https://www.sozialministerium.at/Themen/Soziales/Menschen-mit-Behinderungen/UN-Behindertenrechtskonvention.html

Forstner, Matthias (2020): Die Rechte von Menschen mit Behinderung. Jahoda Bauer Institut. Online verfügbar unter: https://jbi.or.at/die-rechte-von-menschen-mit-behinderung/

Rechnungshof Österreich (Hg.) (2022): Barrierefreies Arbeiten und Studieren an Universitäten. 19. Aufl. Wien (Bericht des Rechnungshofes). Online verfügbar unter: https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/home/Barrierefreies_Arbeiten_und_Studieren_an_Universita-ten_BF.pdf

Sima-Ruml, Barbara (2022): Denkmalschutz barrierefrei – eine Annäherung. In: OIB aktuell 1 (2022). Online verfügbar unter: https://www.oib.or.at/node/8133166

Unger, Martin; Binder, David; Dibiasi, Anna; Engleder, Judith; Schubert, Nina; Berta et al. (2020): Studierenden-Sozialerhebung 2019 Kernbericht. Institut für höhere Studien. Wien. Online Verfügbar unter: https://www.bmbwf.gv.at/dam/jcr:843d1b68-398a-4b47-8a29-9cf0630e16f7/Studierenden-Sozialerhebung_2019_Kernbericht_final%20und%20barrierefrei.pdf


 

 

 

Reaktionen zum Entwurf des Nationalen Aktionsplans Behinderung (2022-2030)

Behinderungssymbol durchgestrichen

Quelle: Pixabay, user: chariflax

Mit der Unterzeichnung des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) hat sich Österreich zu deren Umsetzung und zur Wahrung der Rechte für Menschen mit Behinderungen verpflichtet. Die von Österreich angewendete Strategie zur Umsetzung wird in Nationalen Aktionsplänen festgehalten. Diese werden vom Sozialministerium in Kooperation mit den anderen Bundesministerien und unter Partizipation der Zivilgesellschaft, allen voran Organisationen für Menschen mit Behinderungen, erstellt. Der erste NAP 2012-2020 wurde 2012 veröffentlicht und anschließend heftig diskutiert. Nun liegt ein Entwurf für den Nationalen Aktionsplan 2022-2030, erstellt vom Bund mit Beteiligung der Länder und z.T. von Behindertenorganisationen, vor, der noch im Spätsommer vom Ministerrat beschlossen werden soll.

Zahlreiche Behindertenrechtsorganisationen, wie der Unabhängige Monitoringausschuss zur Überwachung der Einhaltung der UN-BRK, die Selbstbestimmt Leben Initiative Österreich (SLIÖ), der Behindertenrat sowie die Behindertenanwaltschaft haben bereits heftige Kritik geübt. Ein Video der Pressekonferenz ist hier einsehbar. Martin Ladstätter, Präsidiumsmitglied Österreichischer Behindertenrat und Obmann von BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben nennt den Entwurf eine Dokumentation des Scheiterns und vergleicht ihn mit einem Auto mit mehreren Lenkrädern aber ohne Motor und Getriebe – ein Totalschaden. Er appelliert an die Politik, das Ruder nochmal rumzureißen.

In einer ausführlichen Analyse der einzelnen Kapitel kritisiert der Monitoringausschuss immer wieder die fehlende Kohärenz zwischen formulierten Zielen und den dazu vorgeschlagenen Maßnahmen, welche oft nicht geeignet scheinen, um die ersteren zu erreichen. Auch seien viele Ziele, Maßnahmen, Begriffe und Indikatoren oft vage, schwammig, unklar oder lückenhaft definiert bzw. formuliert.

Am Erstellungsprozess wird vielfach kritisiert, dass die erarbeiteten Vorschläge und Papers der Behindertenorganisationen zu wenig beachtet bzw. diese nur wenig in die tatsächliche Bearbeitung eingebunden wurden, obwohl die UN-BRK deren Mitwirkung vorsieht. Markus Neuherz, Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich meint:

„Unsere Meinung ist gefragt, aber wenn sie nicht gefällig ist, wird sie ignoriert. Tatsächliche Mitbestimmung ist wohl unerwünscht.“

Ein genereller Kritikpunkt ist die fehlende finanzielle Grundlage der im Plan vorgesehenen Maßnahmen. Um sicherzustellen, dass die Maßnahmen Österreicher*innen mit Behinderungen unabhängig von ihrem Bundesland zukommen, wird vielfach ein nationaler Inklusionsfond oder einer andere Zweckwidmung der finanziellen Ressourcen gefordert. Der Behindertenanwalt Hansjörg Hofer meint.

„Ohne eine konkrete und verbindliche Aussage des Bundes und der Länder zur monetären Bedeckung des NAP ist er das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt wird! Wir fordern daher die Schaffung eines Inklusionsfonds, zu dem der Bund und alle Länder beitragen; 500 Mio € jährlich für die 1,4 Mio Menschen mit Behinderungen in Österreich“

Beim Thema Inklusive Bildung werden sogar Rückschritte im Vergleich zum NAP 2012-2020 konstatiert und die Empfehlungen in Zuge dessen Evaluierung wären nicht berücksichtigt worden. Die Diakonie Direktorin Maria Katharina Moser meint:

„Es fehlen konkrete Zahlen, zum Beispiel für eine Erhöhung der inklusiven Schulplätze in den kommenden Jahren und den Rückbau der Sonderschulen. .. Bearbeitung der offenkundigen Missstände wird auf die Jahre ab 2030 verschoben, das ist zu spät“.

Dies sei aber notwendig, damit Kinder mit und ohne Behindrung bald gleichermaßen und mit den gleichen Chancen am Bildungssystem teilnehmen können.

verschiedene Arten von Behinderungen

Quelle: Pixabay, user: María_Alberto

Ebenfalls Rückschritte werden in Bezug auf das Ziel der De-Institutionalisierung, welches für das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderungen von zentraler Bedeutung ist, moniert. Bereits das UN-Monitoringkomitee hat in seinem Report größerer Anstrengungen von Österreich diesbezüglich gefordert. Laut Monitoringausschuss wurde jedoch in den letzten Jahren im Gegensatz dazu der Ausbau von segregierenden Heimplätzen vorangetrieben – nötig wären jedoch der Ausbau von Persönlicher Assistenz sowie die Schließung von Heimen. Auch Caritas Direktor Michael Landau findet, dass

„die Persönliche Assistenz eine Schlüsselrolle in der Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen spielt“.

Deswegen müsse man jetzt auf der Grundlage vorhandener Pilotprojekte handeln:

“Es ist sehr viel Zeit vergangen, seit Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat. Das theoretische Wissen zu Verbesserungen ist vorhanden, einzig der mutige Wille zur praktischen Umsetzung fehlt in diesem NAP“, so Landau.

Weitere Kritikpunkte umfassen unter anderem die Ausführung über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen sowie die Ausklammerung bzw. geringe Berücksichtigung der Situation von Frauen, Mädchen, Eltern oder LGBTQI+ Personen mit Behinderungen.

Die Stimmung der Reaktion auf den NAP Entwurf zusammenfassend hält die Vizepräsidentin der Lebenshilfe Österreich Hanna Karat fest, dass Behindertenorganisationen drei Jahre versucht haben, sich in den Erstellungsprozess einzubinden. Dennoch enstspreche der NAP Entwurf nicht den Inhalten der UN-BRK, zu denen sich Österreich verpflichtet hat:

„Unserer Geduld ist am Ende. Ich frage mich, ob wir mit den Rollstühlen vor den Regierungsgebäuden auf der Straße stehen müssen, damit wir endlich zu unseren Rechten kommen“

Die SLIÖ lehnt in ihrer Stellungnahme den NAP Entwurf ab und meint dazu:

„Er enthält auf 147 Seiten zu wenig strukturbildende Maßnahmen im Sinne der UN-BRK. Es fehlen Maßnahmen zur Rücknahme von Verschlechterungen, institutionelle und strukturelle Diskriminierungen werden nicht oder nicht ausreichend bekämpft.“

Klaus Wild, Vizepräsident des Behindertenrats hofft noch auf ein Einlenken der Politik, mahnt aber:

„Sollten unsere Menschenrechte weiterhin ignoriert werden, sind wir Menschen mit Behinderungen erstmals seit vielen Jahren wieder gezwungen, auf die Straße zu gehen, um für ganz normale Menschenrechte, zu denen sich Österreich schon vor 14 Jahren bekannt und verpflichtet hat, zu demonstrieren“

Anbei Links zu den diversen Stellungnahmen, welche auch die Quelle für die oben angeführten Zitate darstellen. Am umfangreichsten ist die Stellungnahme des Monitoringausschusses. Zudem werden auch Links zur genannten Pressekonferenz sowie zu diversen Zeitungsartikeln zum Thema angeführt.

Weiterführende Links

Konzeptionalisierung von Behinderung – Die drei Dimensionen des Gesamtphänomens Behinderung

Matthias Forstner trug im Rahmen der 1. Österreichischen Online Inter- und Transdisziplinäre Dis/Ability-Forschungswerkstatt Kurzimpulse am 13. Mai 2022 aus seiner bisherigen Dissertationsforschungen zum Thema Konzeptionalisierung und Modelle von Behinderung vor. Es folgt eine Schilderung dieses Vortrags vom Autor selbst.

Der Begriff „Behinderung“ wird in verschiedenen Kontexten unterschiedlich verwendet. Da die Definition für die Betroffenen und den Umgang mit ihnen sehr relevant ist, wird sie auch heftig diskutiert.

„Behinderung ist ein multidimensionaler Begriff, der multiprofessionell verwendet wird, und dies macht eine Auseinandersetzung mit dem Thema so unübersichtlich. Bei seiner Verendung begibt man sich relativ schnell auf ein semantisches Minenfeld“ (Egen, 2020, S. 55).

Die Disability Studies haben die Unterscheidung zwischen zwei grundsätzlichen Zugängen eingeführt, die auch Tale of Two Models genannt wird.

 

Individuelle Modelle Soziale Modelle

Hierzu zählen vor allem biomedizinische Modelle, die Behinderung als biomedizinische Abweichung des Individuums sehen und also mit Beeinträchtigungen gleichsetzen.

Diese Modelle – u.a. Britisches Soziales Modell (Oliver, 1996) – sind die große Idee der Disability Studies. Sie haben die Wurzeln in der Behinderungsbewegung, z.B. UPIAS. Es wird Abgrenzung zwischen Beeinträchtigung und Behinderung vorgenommen.

 “disability is something imposed on top of our impairments, by the way we are unnecessarily isolated and excluded from full participation in society” and “is therefore a particular form of social oppression” (UPIAS, 1975)–

Mit Ausdifferenzierung der Disability Studies kam jedoch auch innerhalb dieses Feldes eine Kritik am alleinigen Fokus auf die soziale Ebene auf, u.a. wurde kritisiert.

  • Ausblendung von Körper/Leib (Hughes & Paterson, 1997)
  • Ausblendung leiblicher Erfahrungen wie Schmerz, Müdigkeit (Morris, 1993)
  • Ausblendung von realen Beeinträchtigungseffekten (Thomas, 2012)
  • Ausblendung von Aspekten der Identität (Swain & French, 2000)
  • Ausblendung von psycho-emotionalen Folgen des Disablismus (Reeve, 2012; Watermeyer & Swartz, 2016)

Um diesen Kritikpunkten gerecht zu werden, ohne die unbestreitbaren Fortschritte durch die soziale Sicht auf Behinderung aufzugeben wurde von Forstner (2022) die in der Gesundheitssoziologie gebräuchliche Unterscheidung zwischen den drei Dimensionen disease, illness und sickness (Hofmann, 2016; Marinker, 1975) des Krankheitsphänomens auf das Gesamtphänomen angewendet. Dieses als Biophänomenosoziale Modell von Behinderung bezeichnete Framework wurde in einem Artikel der Zeitschrift für Disability Studies dargelegt.

Weiterlesen

Corona Pandemie und Menschen mit Behinderungen – Kommentierte Links zum Thema

Nun öffnet wieder alles und Covid geht zurück, zwar noch nicht in der Bevölkerung, aber zumindest in der Medienberichterstattung bzw. wird es durch andere wichtige Ereignisse verdrängt. Dabei sind es nun schon mehr als zwei Jahre in denen wir alle mit der Covid-19 Pandemie, ihren Auswirkungen und den Folgen der dagegen ergriffenen Maßnahmen konfrontiert sind. Wie auch bei anderen gesellschaftlichen Problemzonen sind viele Menschen mit Behinderungen oft ganz besonders betroffen. Das reicht von Vereinsamung während der Lockdowns in Pflegeheimen, Ärger über Mitmenschen, die die Schutzbestimmungen nicht einhalten und somit besonders gefährdete Menschen unnötig weiter in Gefahr bringen oder in die Isolation treiben, Problemen mit persönlichen Assistent*innen oder Pfleger*innen, die als Ansteckungsrisiko dienen oder krankheitsbedingt ausfallen, Ängsten vor Abwertungen in drohenden Triagen bis zu Diskursen über totale Öffnungen und die „Rechte der Gesunden“.

Im Folgenden werden ausschnitthaft Links zu interessanten Zeitungsbeiträgen und wissenschaftlichen Artikeln zum Thema vorgestellt.

Quelle: Pixabay, María_Alberto Quelle: Pixabay, TheDigitalArtist
Quelle: Pixabay, María_Alberto Quelle: Pixabay, TheDigitalArtist

 

Zeitungsartikel und Onlinebeiträge

Ein Artikel vom 6.03.2022 aus New Haven Register geht auf diverse Barrieren für Menschen mit Behinderungen aufgrund der Covid-Politik im US-Kontext ein. –„We have been ignored, forgotten, and left out of policy discussions” – ‘People were okay with leaving us behind’: COVID harder on those with disabilities, experts say

Ein weiterer Artikel  aus dem Guardian wurde vom 03.02.2022 von George Taleporos der Chairperson des Victorian Disability Advisory Council verfasst und kritisiert die australische Covid-Strategie in Bezug auf Menschen mit Behinderungen – “Federal and state governments have failed disabled people like me during the pandemic” – As a disabled person trying to ‘live with’ Covid in Australia, every day is a game of figuring out who is least likely to kill me

Ein Artikel aus dem Fokus von 22.02 beschäftigt sich mit den möglichen Konsequenzen einer alleinigen Impfpflicht für die Pfleger*innen (einrichtungsbezogene Impfpflicht) auf Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Dabei werden Themen wie der besondere Schutz vulnerabler Gruppen, der Pflege- und Assistenznotstand sowie weitere Probleme von Menschen mit Behinderungen während der Pandemie behandelt. Eine Betroffene: „Impfpflicht für Pfleger zerstört mein Leben…Wer interessiert sich schon für meine Geschichte? Die Politiker? Das glaube ich kaum“ Probleme bei Corona-Impfpflicht

Ein Beitrag von ORF Kärnten vom 2.12.2021, der anlässlich des Tages der Menschen mit Behinderungen die Problemfelder des Jahres 2021 zusammenfasst und dabei auf Isabella Scheiflinger, Anwältin für Menschen mit Behinderung des Landes Kärnten, eingeht – „Die letzten Monate zeigen deutlich, dass bei vielen Menschen einfach auch „die Luft draußen“ ist und die schwierige Zeit Spuren hinterlassen habe, so Scheiflinger.“ – Menschen mit Behinderung in der CoV-Krise

Dieser Artikel vom ZDF vom 30.11.2021 widmet sich den Auswirkungen der Covid -19 Pandemie auf die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt in Deutschland – „Corona-Pandemie hat Fortschritte zunichte gemacht“ – Menschen mit Behinderung häufiger arbeitslos – und  ein kurzer Zeit Artikel vom 08.02. 2022 zum selben Thema: Jobsituation für Behinderte in Pandemie verschlechtert

Ein Beitrag des amerikanischen Think-Tanks Center for American Progress vom 09.02.2022 befasst sich mit dem Thema Arbeitsmarkt, Behinderung und Covid-Pandemie, auch vor dem Hintergrund, dass die Pandemie selbst die Anzahl der Menschen mit Beeinträchtigungen der Arbeitspopulation vergrößern wird.- „Labor market policy must take into account the dramatic increase in the disabled population” – COVID-19 Likely Resulted in 1.2 Million More Disabled People by the End of 2021

Zum Schluss kommt kein Zeitungsartikel, sondern die offizielle Stellungnahme des österreichischen Monitoringausschusses inklusive Handlungsempfehlungen. Die Stellungnahme ist auch in leichter Sprache verfügbar. „Im Rahmen des Versuchs, die Pandemie zu bewältigen, kam es zu zahlreichen Maßnahmen mit teilweise sehr negativen Auswirkungen für Menschen mit Behinderungen.Menschen mit Behinderungen während der COVID-19-Pandemie – 2021

 

Wissenschaftliche Artikel

Dieser bereits etwas ältere Kommentar aus dem Journal Lancet von Tom Shakespeare et al. fasst die Situation für Menschen mit Behinderungen zusammen: „A better future has to grow from learning the lessons, listening to the life experiences of people with disabilities, and making meaningful investments that improve the wellbeing and socioeconomic conditions of people with disabilities” –  Triple jeopardy: disabled people and the COVID-19 pandemic

Ein Artikel von Michael Zander aus der Zeitschrift für Disability Studies vom Juli 2021 arbeitet die Auswirkung von Corona auf Menschen mit Behinderungen aus einer Disability Studies Sicht auf. „Dargestellt und diskutiert werden unter anderem Befunde und Positionen zu den sozial-ökologischen Charakteristika der Pandemie, zu erhöhten Erkrankungs- und Sterberisiken in Institutionalisierung der Behindertenhilfe sowie zur Triage und dem Aufkommen sozialdarwinistisch getönter Verschwörungsideologien. Abschließend werden Fragen zur Krisenbewältigung aufgeworfen.“ – Corona-Pandemie und Behinderung – ein Überblick

Eine Studie, veröffentlicht im Disability and Health Journal im Jänner 2022, beschäftigte sich mit der digitalen Kluft in Bezug auf Menschen mit Behinderungen in der Pandemie und vergleicht das Internetverhalten in Korea von Menschen mit und ohne Behinderungen. „We identified significant differences between PWOD and PWD in their Internet usage change during the pandemic – To ensure better post-pandemic outcomes for marginalized groups including PWD, the governments and authority agencies must facilitate digital access and services with appropriate accommodations needed by those populations.– Effect of digital divide on people with disabilities during the COVID-19 pandemic.

Ein Artikel, veröffentlicht im International Journal of Environmental Research and Public Health vom April 2021, fasst Ergebnisse aus anderen Studien bezüglich der Auswirkung von Lockdown-Maßnahmen auf Menschen mit Behinderungen zusammen und gibt somit eine gute Übersicht über das Thema.  „Lack of disability-inclusive response and emergency preparedness and pre-pandemic disparities created structural disadvantages, exacerbated during the pandemic.” – Lockdown-Related Disparities Experienced by People with Disabilities during the First Wave of the COVID-19 Pandemic: Scoping Review with Thematic Analysis – Ein Reviewartikel  aus dem Disability and Health Journal vom Jänner 2021 fasst ebenfalls diesbezüglich Literaturbefunde zusammen – Impact of COVID-19 on people with physical disabilities: A rapid review

Die Autor*innen dieser Studie befragten 441 Amerikaner*innen mit Behinderungen mit Instrumenten zur Messung von Angst und Depression und suchte nach Prädikatoren dafür in dieser Population. „In our sample, 61.0% and 50.0% of participants met criteria for a probable diagnosis of major depressive disorder and generalized anxiety disorder, respectively. Participants also experienced significantly higher levels of disability-related stigma and social isolation compared to prepandemic norms” – Predicting depression and anxiety among adults with disabilities during the COVID-19 pandemic

Ein kurzer Bericht, veröffentlicht in den Archives of Physical Medicine and Rehabilitation vom Juli 2021  vergleicht die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitslosigkeit von Amerikaner*innen mit und ohne Behinderungen zwichen Februar und April 2020 „The percentage unemployed rose from 3.0% to 6.5% for persons with disabilities and 2.9% to 10.5% for people without disabilities.“ – Changes in the Employment Status of People With and Without Disabilities in the United States During the COVID-19 Pandemic

Ein weiterer kurzer Bericht veröffentlicht in Disability in Health im Juli 2021. In der Studie wurden 109 gebildete und gut verdienende Amerikaner*innen mit Behinderungen bezüglich der Auswirkung der Pandemie auf ihr Leben befragt. „Only 14.9% of survey respondents reported disruptions in employment. On average, 54.0% of service changes were due to discontinuation, including loss of physical therapy, job coaching, community organizations, transportation, and peer supports.” – Impact of COVID-19 on services for people with disabilities and chronic health condition

 

 

Das Projekt „Geschichte der Behindertenbewegung“ wurde ausgezeichnet

Österreichische Wissenchaftler*innen rund um Volker Schönweise haben in einem Projekt die Geschichte der Behindertenbewegung und Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich systematisch aufgearbeitet und ihre Ergebnisse in einem Archiv der der Bidok – der barrierefreien digitalen Bibliothek zu Behinderung und Inklusion frei zur Verfügung gestellt. Ziel war es, der Behindertenbewegung in Österreich ein Gedächtnis zu geben. Das Archiv enthält neben ausführlichen, in den 1920ern startetenden, Zeitleisten und wichtigen Zeitdokumenten auch Interviews mit Zeitzeug*innen. So sind Interviews mit 14 Aktivist*innen in Video- und Transkriptform verfügbar.

Diese Anstrengungen wurden nun von der amerikanischen US Disability History Association mit dem  Public Disability History Award belohnt, eine alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung, die Arbeiten rund um Geschichte von Behinderung würdigt und mit einem symbolischen Preis von 200 Dollar dotiert ist.

„We are pleased to announce the second biennial Disability History Association Public Disability History Award goes to the Digital Archive of the Disability Rights Movement in Austria. This project was submitted by Volker Schönwiese, University of Innsbruck, Petra Flieger, Independent researcher, and Josefine Wagner, University of Innsbruck.“ (Quelle: The Disability History Association)

Links
Bidok Projekt: „Geschichte der Behindertenbewegung“
The Disability History Association
Beitrag in Bizeps – Nachrichten zum Thema Behinderung