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John Fettermans Sieg gegen den dis-/ableistischen Diskurs in der Politik

Potraitfoto von John Fetterman

John Fetterman, Quelle: Flickr – Governour Tom Wolfe [B1]

 

In den Mid-Term Elections am 8. November konnte sich der Demokrat John Fetterman (53) im Kampf um einen Senatssitz für den US-Bundestaat Pennsylvania klar gegen den zuvor vor allem als TV-Arzt bekannten Trump-Freund Mehmet OZ (62) durchsetzen. Er konnte 50,7 % der Stimmen holen, in einem Wahlkampf der zuvor als Kopf and Kopf Rennen eingestuft wurde [1].

Dies ist aus einer Disability Studies Perspektive deshalb interessant, da Fetterman vor einem halben Jahr einen Schlaganfall hatte und sich im Wahlkampf noch in der Phase der Rekonvaleszenz befindet. Dieser Beitrag wird sich folglich auch gar nicht mit Fettermans politischen Positionen und deren Auswirkung auf seinen Sieg beschäftigen, sondern nur mit dem Diskurs um ihn als politischen Kandidaten mit bestimmten Beeinträchtigungen. Aufgrund einer noch verbleibenden auditiven Störung verwendete er bei TV-Auftritten schriftliche Untertitel (closed captioning), um die Fragen richtig erfassen zu können. Spätestens seit dem TV-Duell [8] zwischen den beiden Rivalen wurde der Gesundheitszustand des Demokraten ein wichtiges Thema der Medienberichterstattung und -spekulation. Tatsächlich unterliefen dem Politiker Fehler, er versprach sich, redete undeutlich oder sprach Wörter falsch aus [3]. Dies wurde im Nachhinein nicht nur von den politischen Gegner-innen als wahlrelevant eingestuft, sondern löste auch heftige Reaktionen auf Twitter aus. Der Journalist Andrew Feinberg twitterte:

Sorry Democrats, but Fetterman lost the race tonight. He’s in no way able to communicate clearly or effectively, and agreeing to this debate was political malpractice in the first degree. Whoever told him to do is should be finished in electoral politics.

Auch die Journalistin Olivia Nuzzi ließ einen scheinbar gut gemeinten Tweet los:

There is no amount of empathy for and understanding about Fetterman’s health and recovery that changes the fact that this is absolutely painful to watch.

Bei seinem ersten TV-Interview beim Sender NBC [9] verwendete der Politiker auch einen sehr sichtbaren Bildschirm von dem er die Fragen als Untertitel ablas und wurde deshalb mit besonders penetrant kritischen Fragen über seinen Gesundheitszustand und damit einhergehend seiner Eignung für das politische Amt konfrontiert. Er wurde auch aufgefordert, sämtliche Informationen zu seinem Gesundheitszustand offenzulegen oder seine Ärzt-innen eine Pressekonferenz geben zu lassen [2, 9]. Dieses besondere Augenmerk auf den gesamten Gesundheitszustandes eines Kandidaten mit Behinderung wird in den (sozialen) Medien jedoch auch heftig kritisiert [10], zumal der Politiker ärztliche Stellungnahmen vorweisen kann, die bestätigen, dass er sich gut erholt hat und aus gesundheitlicher Sicht geeignet für das Amt ist [2, 4, 7]. Auch andere Expert-innen in den Medien stimmen zu und weisen darauf hin, dass es unzulässig sei, von Problemen bei der Aussprache oder der auditativen Wahrnehmung auf die kognitive Leistungsfähigkeit zu schließen, obwohl gerade ersteres im Alltag nicht unüblich ist [2, 4, 6, 15]. Zudem ist es unzulässig von der Tatsache, dass eine Person einen Job nur unter Zuhilfenahme bestimmte Anpassungen oder Hilfsmittel erledigen kann, zu schließen, dass sie insgesamt schlechter geeignet sei für diesen Job als Menschen, die solcher Hilfsmittel nicht bedürfen [2].

In diesem Zusammenhang meldeten sich auch Disablity Aktivist-innen zu Wort welche in Tweets wie den oben angeführten sehen, dass Beeinträchtigungen immer noch stark stigmatisiert und mit Schwäche und genereller Unfähigkeit assoziiert werden [3, 4, 5], die wie Nuzzi’s Tweet zeigt selbst bei gut Gesinnten Unbehagen hervorruft. Die Journalistin Erin Biba drückt dies so aus:

The thing about her [Nuzzi] saying this quiet part out loud is that it’s likely the majority of abled people feel this way and cannot or will not admit it, not even to themselves. Ableism truly is that ingrained in abled society.

Dabei war die Fitness von Politiker-innen immer wieder Thema in den Medien, vor allem wenn diese älter sind und Fehler in der Aussprache machen oder ungewöhnliche Sprachmuster aufweisen. In den USA wurden sowohl Trump als auch Biden vom politischen Gegner als altersdebil und aus gesundheitlichen Gründen ungeeignet fürs Amt bezichtigt, im österreichischen Wahlkampf gab es ähnliche Anschuldigungen gegen Alexander van der Bellen [14]. Zwei der erfolgreichsten US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy mussten ihre Beeinträchtigungen verstecken. Diese selbst konnten ihre Erfolge nicht stoppen, doch konnten oder wollten sie es sich nicht leisten, als behindert und damit schwach wahrgenommen zu werden [11 12, 13].

 

Bild von Franklin D. Roosvelt im Rollstuhl mit kleinem Kind

Franklin D. Roosevelt, Quelle: Wikimedia.org [B2]

Eric Buehlmann, Policy Directer des National Disability Networks und früher im Senat tätig, kritisiert auch, dass von der Performance bei einem verbalen Schlagabtausch im TV, bei dem es vor allem darum geht, blitzschnell Soundbites für die Medien zu produzieren, auf die Leistungsfähigkeit im Kongress geschlossen wird [6].

You are not making snap decisions in milliseconds, you are not sitting there waiting to push the red nuclear button. You spend a lot of time talking with other members, you spend a lot of time debating and thinking and putting down those thoughts on paper….those are things that I saw that Fetterman is eminently capable of doing.

Demnach liegt der Dis-/Ableismus darin, von Schwierigkeiten beim spontanen Ausdruck im Rahmen des TV-Duells einerseits und dem Bedarf an schriftlichen Untertiteln anderseits unberechtigterweise auf eine verringerte Eignung für die politische Tätigkeit zu schließen.

Andere Stimmen wie Maria Town, Präsidentin und Geschäftsführerin der American Association of People with Disabilities, gehen noch weiter. Sie kritisiert die kulturelle Funktion des gegenwärtigen Diskurses rund um die gesundheitliche Eignung für politische Ämter („fit for office“) als diskriminierend [4]. Was wäre, wenn in Fettermans Fall (leichte) kognitive Defizite zurückgeblieben wären, würde dies ihn dann automatisch ungeeignet machen? Diese Frage ohne weiteres Nachdenken pauschal mit Ja zu beantworten, sei demokratiepolitisch und hinsichtlich der Repräsentation von marginalisierten Gruppen zumindest problematisch. Ähnliches meint auch die politische Beraterin und Gemeinschaftsorganisatorin für Behinderungsthemen Sara Blahovec [2].

To say that anyone with a cognitive disability is inherently disqualified from serving in an elected office is just a really big claim that alienates millions of people.

Im Wahlkampf wurde zudem von Behinderungsaktivist-innen befürchtet, dass das Misstrauen, das Fettermans Eignung entgegenbracht wird, andere Menschen davon abbringen könnte, die eigenen Beeinträchtigungen so offen zu legen wie dieser und sie eher geneigt sein werden, die Route von FDR und JFK zu nehmen [11, 12, 13]. Dass der Kandidat aber trotz der Angriffe und Stigmatisierung gewonnen hat, könnte jedoch eine Signalwirkung in die richtige Richtung sein. Auch die Tatsache, dass nun eine Person mehr den normalen Kongress-Alltag mit technischen Hilfsmitteln bestreitet [5]. Dazu meint die feministische Disability Studies Forscherin Rosemarie Garland-Thomson [5].

Witnessing people who have pretty significant disabilities doing a job that we imagine they can’t do is itself an important function.

Zudem widerspricht der groß gewachsene Politiker mit seiner kräftigen Statur und seinem Arbeiterklassen-Habitus der Gleichsetzung von Behinderung bzw. der Benützung von Hilfsmittel mit Schwäche [5], so dass seine zukünftige Präsenz als sichtlich „Behinderter“ auch diesbezüglich gute Wirkungen bringen könnte.

 

Literatur

[1] Klare Entscheidung in Pennsylvania, Beitrag in Süddeutsche Zeitung von Nicholas Freund (9. November 2022)

[2] Fetterman stroke sparks debate over what’s seen as a disability, Beitrag auf TheHill.com von Zack Budryck und Cheyanne M. Daniels (26. Oktober 2022)

[3] “Examine your ableist instincts”: Critics mocked John Fetterman’s debate performance after stroke, Beitrag auf Salon.com von Areeba Shah (26. Oktober 2022)

[4] Disability activists say John Fetterman stroke controversy has veered into ableist territory, Beitrag auf Salon.com von Matthew Rosza (1. November 2022)

[5] John Fetterman survived a stroke. It could be an asset if he’s elected, Beitrag auf Vox.com von Keren Landmann (26. Oktober 2022)

[6] ‘A lens of empathy’: disability advocates on John Fetterman and leadership, Beitrag in The Guardian von Wilfred Chan (27. Oktober 2022)

[7] Should voters be concerned over Fetterman’s cognitive ability after his stroke? Interview Alison Chung mit Dr. Dhruv Khullar auf NPR (26. Oktober 2022)

[8] Pennsylvania U.S. Senate Debate (26. Oktober 2022)

[9] TV-interview von John Fetterman durch Dana Burns, auf NBC (12. Oktober 2022)

[10] NBC Reporter Backpedaling After Badgering John Fetterman For His Stroke, Beitrag bei Young Turks von Ana Kasparian und John Iadarola (13. Oktober 2022)

[11] How FDR kept his partial paralysis a secret from the American public — even while he was on the campaign trail, Beitrag auf Business Insider von Tom Porter (10. Mai 2019)

[12] In J.F.K. File, Hidden Illness, Pain and Pills, Beitrag in New York Times von Lawrence K. Altman und Todd S. Purdum (17. November 2002).

[13] John F. Kennedy kept these medical struggles private, Beitrag in PBS News Hour von Howard Markel (22. November 2019)

[14] Virales Dirty Campaigning gegen Alexander van der Bellen, Beitrag auf derstandard.at (2. Juli 2016)

[15] U.S. Senate candidate Fetterman releases doctor letter saying he is OK, Meldung von Reuters (19. Oktober 2022)

Links zu Bilder:

[B1] https://www.flickr.com/photos/governortomwolf/51951626312

[B2] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FDR-Wheelchair-February-1941.jpg

2. Vortrag in der Reihe „Ableismus an der Universität“ / invitation: 2nd lecture in the series „Ableism at the University“ (15th March, 14h)

(english version below)
Die Organisationen
 
– Kunstuniversität Linz
– Johannes Kepler Universität Linz
Disability Studies Austria
 
laden ganz herzlich zum zweiten Vortrag in der Reihe „Ableismus an der Universität“ ein.
 
Vortragender: Thomas Tajo
Titel: Prehistoric foundation of Global Visual Culture – Its impacts on contemporary societies and digital media
Wann: Montag 15. März, 14 bis 15 Uhr
 
Wo: virtuell über Zoom; Dieser Link führt direkt ins Zoom Meeting:
 
Zu organisatorischen Zwecken wird um Anmeldung unter angela.wegscheider@jku.at gebeten.
 
Über den Vortragenden: Thomas Tajo ist ein blinder Wissenschaftler und Aktivist in Sachen Behinderung, Vorsitzender der vor kurzem gegründeten internationalen Non-Profit Organisation „Vision Inclusive“.
 
Der Vortrag ist in englischer Sprache, mit Übersetzung in Gebärdensprache.
 
Begrüßung: Angela Wegscheider
Moderation: Karin Harrasser
 

Alternativ könnten Sie auch mit diesen Daten einsteigen:
Zoom-ID: 821 0336 1685
Kenncode: Ableism
 
 
*****
 
After the first lecture was such a great success, I would like to invite you on behalf of the organising institutions:
 
– Linz University of Art
– Johannes Kepler University Linz
Disability Studies Austria
 
to the second lecture in the series „Ableism at the University“.
 
Speaker: Thomas Tajo
Title: Prehistoric foundation of Global Visual Culture – Its impacts on contemporary societies and digital media
When: Monday 15 March, 2 to 3 p.m.
Where: virtually via Zoom; This link leads directly to the Zoom Meeting:
https://us02web.zoom.us/j/82103361685?pwd=bk1MZTA5U01lNjdET0FmeHl2VmxLZz09
 
For organisational purposes, please register at angela.wegscheider@jku.at.
 
About the speaker: Thomas Tajo is a blind scholar and disability activist, chair of the recently founded international non-profit organisation Vision Inclusive.
 
The lecture is in English, with translation into sign language.
 
Welcoming address: Angela Wegscheider
Moderation: Karin Harrasser
 
Alternatively, you could also enter with these dates:
Zoom ID: 821 0336 1685
Identifier code: Ableism