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Inklusive Hochschule?

Von Valerie Sophie List

Wie kann ein gut funktionierendes Miteinander zwischen Lehrenden und Studierenden mit Behinderung entstehen? Ein wesentlicher Faktor für Inklusion und Barrierefreiheit an Hochschulen hat viel mit dem Umgang von Lehrenden mit Studierenden mit Behinderung zu tun.

Die aktuelle Ausgangslage von Studierenden mit Behinderung

Denken wir an Studierende, so stellen wir und junge Erwachsene vor, die in Vorlesungen sitzen, geschäftig von Hörsaal zu Hörsaal wandeln oder in Bibliotheken recherchierend und lernend ihre Zeit verbringen. Die Idee, dass Studierende eine Behinderung haben könnten, kommt uns bei dieser Vorstellung überwiegend nicht in den Sinn. Allerdings sind in Österreich nach eigenen Angaben rund 12 % der Studierenden von verschiedenen Einschränkungen oder Behinderungen betroffen, welche von außen oftmals gar nicht wahrnehmbar sind. Zudem kommen immer mehr Personen mit Behinderung an Hochschulen, um sich weiterzubilden und auf der Basis eines Studiums oder eines akademischen Lehrgangs einen konkreten Berufswunsch zu verfolgen. Somit macht diese nicht abschließend definierte Gruppe einen beträchtlichen Anteil an Studierenden aus.

Obwohl die Inskriptionszahlen von Studierenden mit Behinderung in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen haben, handeln Hochschulen nicht proaktiv bzw. vorausschauend und planerisch, sondern im Gegenteil, reaktiv, wenn es um inklusive Bildungsmöglichkeiten für eine diverse Studierendenschaft geht. An der Hochschule angekommen, sind Menschen mit Behinderung nämlich mit den verschiedensten Problemen konfrontiert, die sich über bauliche, technische und soziale Barrieren erstrecken. Logischerweise sind es eben jene Hürden, die Personen daran (be)hindern Erfolge und Fortschritte in ihrem Studium verbuchen zu können und nicht die Disability an und für sich.

Soziale Barrieren an Hochschulen

Die Erkenntnis, dass eigentlich der Umgang mit Behinderung problematisch ist, sollte den Grundstein bilden, Hindernisse an Hochschulen zu beseitigen. Dies ließe sich auch umsetzen. Neue Uni und FH Gebäude können architektonisch inklusiv konzipiert werden und Digitalisierung kann ausgebaut und barrierefrei gestaltet werden. Aber wie sieht es eigentlich mit der dritten Kategorie den sozialen Barrieren und insbesondere mit der Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden mit Behinderung aus?

Lehrende sind ungemein wichtige Schlüsselfiguren für alle Studierenden und aus dem universitären Alltag nicht wegzudenken. Immerhin fungieren sie als Wissensvermittler*innen, Ansprechpersonen und Prüfungsabnehmer*innen sowie Arbeitsbeurteiler*innen. Eine gut funktionierende Beziehung ist daher von Vorteil. Dies trifft vor allem auf Studierende mit Behinderung zu, zumal sie in einem anderen Ausmaß mit Barrieren konfrontiert sind und auf die Kooperationsbereitschaft und Zusammenarbeit ihrer Unterrichtenden angewiesen sind.

In verschiedenen Studien und Befragungen geben Studierende mit Behinderung jedoch an, dass Lehrende für sie die größte Barriere im universitären Alltag darstellen. Aber warum ist dem so? Als Akademikerin mit Behinderung habe ich mich im Rahmen meiner Masterarbeit auf Spurensuche begeben, um zwei wesentliche Dinge herauszufinden. Erstens: Warum gehen Lehrende ableistisch bzw. behindertenfeindlich mit Studierenden um? Zweitens: Wie könnte sich eine erhöhte Sensibilität im Bereich Behinderung positiv auf die zwischenmenschliche Beziehung beider Gruppen auswirken?

Lehrende als Barriere für Studierende mit Behinderung

Wie der Anfang des Artikels bereits verdeutlicht werden Studierende überwiegend als homogene Gruppe wahrgenommen. Auch viele Lehrende gehen davon aus, eine einheitliche Masse zu unterrichten und kommen folglich nicht auf die Idee, dass Studierende unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Dies liegt zum einen daran, dass Unterrichtende wenig bis gar keine Erfahrung mit Menschen mit Behinderung im beruflichen und privaten Kontext haben. Zum anderen hält sich die Weiterbildung in den Bereichen, Inklusion, Barrierefreiheit und Disability für Lehrende an Hochschulen äußerst in Grenzen, weswegen sie nicht ausreichend vorbereitet sind.

Die Konsequenzen von Lehrenden im Umgang mit betroffenen Studierenden können sehr weitreichend sein, angefangen von Angst, Abwehr, Verweigerung von Unterstützung, bis hin zur Leugnung der Behinderung und dem Hinterfragen, ob Menschen mit Behinderung überhaupt zum Studium zugelassen werden sollten. Kaum verwunderlich, die negative Haltung von Unterrichtenden wirkt sich negativ auf den Erfolg und das vorankommen im Studium aus.

Sensibilisierte Lehrende als Verbündete

Manch andere Unterrichtende hingegen sind wiederum offen für die Möglichkeit von Studierenden mit Behinderung in ihren Lehrveranstaltungen und zeichnen sich nicht nur durch ihre Aufgeschlossenheit und Unterstützung aus, sondern sie sehen sich selbst zudem als Verbündete mit einer ‚open door policy‘.  Da sie bereits Berührungspunkte mit Studierenden oder im privaten Umfeld mit Disability hatten, verfügen sie über eine sensiblere Wahrnehmung und ein größeres Wissen als ihre Kolleg*innen ohne derlei Erfahrungen.

Entscheidend sind somit: Begegnung, Erfahrung und Lernen. Dies hilft Lehrenden dabei sensibilisierter mit Studierenden mit Behinderung in Beziehung zu treten.

Lösungsansätze zur Förderung inklusiver Lehrender

Diverse Studien veranschaulichen positive Effekte von Weiterbildungs- und Sensibilisierungsprogrammen für Lehrende. Sowohl Unterrichtende als auch Studierende fordern mehr Angebot im Bereich Inklusion an Hochschulen für Lehrende und sehen hier klar die Bildungsinstitutionen in der Verantwortung aktiv zu werden.

Diese Forderung und deren Ergebnisse würden allerdings nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Lehrenden und der allgemeinen Studierendenschaft zu Gute kommen. Während Menschen mit Behinderung erstmals gesehen und als selbstverständlichen Teil der Hochschule mitbedacht werden, bekommen Unterrichtende unter anderem die Möglichkeit eine diversere Zielgruppe anzusprechen. Sie können ein besseres Bildungsangebot setzen, ihr Wissen über verschiedene Kanäle vermitteln und ihre sozialen Kompetenzen erweitern, wovon letzten Endes alle Studierenden profitieren würden.

Valerie Sophie List ist Mitarbeitende an der Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten und hat „Inklusion und Transformation in Organisationen“ studiert. Zu diesem Thema referierte sie bei der 3. DiStA-Forschungswerkstatt am 21. Juni 2024 in Graz.

2. Vortrag in der Reihe „Ableismus an der Universität“ / invitation: 2nd lecture in the series „Ableism at the University“ (15th March, 14h)

(english version below)
Die Organisationen
 
– Kunstuniversität Linz
– Johannes Kepler Universität Linz
Disability Studies Austria
 
laden ganz herzlich zum zweiten Vortrag in der Reihe „Ableismus an der Universität“ ein.
 
Vortragender: Thomas Tajo
Titel: Prehistoric foundation of Global Visual Culture – Its impacts on contemporary societies and digital media
Wann: Montag 15. März, 14 bis 15 Uhr
 
Wo: virtuell über Zoom; Dieser Link führt direkt ins Zoom Meeting:
 
Zu organisatorischen Zwecken wird um Anmeldung unter angela.wegscheider@jku.at gebeten.
 
Über den Vortragenden: Thomas Tajo ist ein blinder Wissenschaftler und Aktivist in Sachen Behinderung, Vorsitzender der vor kurzem gegründeten internationalen Non-Profit Organisation „Vision Inclusive“.
 
Der Vortrag ist in englischer Sprache, mit Übersetzung in Gebärdensprache.
 
Begrüßung: Angela Wegscheider
Moderation: Karin Harrasser
 

Alternativ könnten Sie auch mit diesen Daten einsteigen:
Zoom-ID: 821 0336 1685
Kenncode: Ableism
 
 
*****
 
After the first lecture was such a great success, I would like to invite you on behalf of the organising institutions:
 
– Linz University of Art
– Johannes Kepler University Linz
Disability Studies Austria
 
to the second lecture in the series „Ableism at the University“.
 
Speaker: Thomas Tajo
Title: Prehistoric foundation of Global Visual Culture – Its impacts on contemporary societies and digital media
When: Monday 15 March, 2 to 3 p.m.
Where: virtually via Zoom; This link leads directly to the Zoom Meeting:
https://us02web.zoom.us/j/82103361685?pwd=bk1MZTA5U01lNjdET0FmeHl2VmxLZz09
 
For organisational purposes, please register at angela.wegscheider@jku.at.
 
About the speaker: Thomas Tajo is a blind scholar and disability activist, chair of the recently founded international non-profit organisation Vision Inclusive.
 
The lecture is in English, with translation into sign language.
 
Welcoming address: Angela Wegscheider
Moderation: Karin Harrasser
 
Alternatively, you could also enter with these dates:
Zoom ID: 821 0336 1685
Identifier code: Ableism