Archiv der Kategorie: Allgemein

Nachbericht zur DiStA-Forschungswerkstatt 2026

Am 29. Mai 2026 fand die 5. Österreichische Online Inter- und Transdisziplinäre Dis/Ability-Forschungswerkstatt von Disability Studies Austria (DiStA) statt. Als Zuhörer-in war es ein inspirierender Tag, der viele Eindrücke hinterlassen hat. Der wissenschaftliche Austausch, der kritischer Diskussion und die kreativen Inputs und Forschungsansätze war aufregend und förderte das Nachdenken über den gesellschaftlichen Umgang und das Denken über Behinderung und Nicht-Behinderung.

Die vom Crip Collective (TU Wien) organisierte Forschungswerkstatt stand unter dem Schwerpunkt „Austerität, Sozialabbau und Behinderung“. Gleichzeitig bot das Programm Raum für vielfältige Themen aus den Disability Studies.

Den Auftakt machte Veronika Bachleitner mit Überlegungen zu Zugehörigkeit in wissenschaftlichen Wissenskulturen. Der Beitrag richtete den Blick auf Forschungsumgebungen, in denen unterschiedliche Arten des Denkens und Wahrnehmens Anerkennung finden können.

Mit ihrem künstlerischen Forschungsprojekt „utterstutterclutter“ luden Ema Benčíková und Elena Lach dazu ein, Kommunikation kreativ wirken zu lassen. Statt von Defiziten in der Kommunikation zu sprechen, fragten sie danach, wie behinderte Kommunikation funktioniert und welche neuen Möglichkeiten daraus entstehen können.

Kay Kender zeigte in einem Vortrag zu Naturschutz und Faschismus auf, wie historische Vorstellungen von Natur bis heute den Zugang zu Naturerfahrungen beeinflussen. Der Beitrag machte deutlich, dass Fragen von Barrierefreiheit auch in Natur- und Umwelträumen eine wichtige Rolle spielen.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Schwerpunkts stand die Podiumsdiskussion zu den Folgen von Sparpolitik für behinderte Menschen. Die Diskussion verdeutlichte, wie eng politische Entscheidungen mit Fragen von Partizipation, Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit verbunden sind und welche Rolle Disability Studies dabei spielen können. Es diskutierten Ursula Naue, Pia Röhrer, Paulina Spelbrink und Florian Slansky. Katta Spiel moderierte.

Am Nachmittag sprach Leo Hosp über Autismus, sensorische Wahrnehmung und Technik. Besonders spannend war die Perspektive, dass Technik sowohl entlastend als auch belastend wirken kann und dass sensorische Erfahrungen kontext- und personenbezogen sind und im Zusammenspiel von Person, Umwelt und Technologie entstehen.

Den Abschluss bildete der Beitrag von Oliver Suchanek und Lydia Kremslehner über eine Accessible Kunstausstellung, die gemeinsam mit tauben und taubblinden Künstler-innen entwickelt wurde. Das Beispiel zeigte eindrucksvoll, wie Partizipation, Mitbestimmung und Barrierefreiheit kreative Prozesse und kulturelle Angebote bereichern können.

Die Forschungswerkstatt war thematisch vielfältig und kreativ gestaltet. Sie machte einmal mehr sichtbar, wie facettenreich Disability Studies in Österreich sind. Über unterschiedliche wissenschaftliche, künstlerische und aktivistische Zugänge kamen die Teilnehmenden miteinander ins Gespräch. Die Forschungswerkstatt war wie immer ein Raum für gemeinsames Lernen, kritisches Nachdenken und solidarischen Austausch. Wir bedanken uns herzlich beim Crip Collective, allen voran bei Katharina Werner und Janis Lena Meißner für die Organisation und die Durchführung.

Stein der Erinnerung für die Krüppelarbeitsgemeinschaft

Am 20. Mai wurde an der Adresse Wickenburgasse 15 im 8. Wiener Gemeindebezirk Josefstadt ein Stein der Erinnerung für Siegfried Braun verlegt. Er war ein zentraler Initiator der frühen österreichischen Behindertenbewegung und steht stellvertretend für die über 60 anderen jüdischen Mitglieder der Ersten Österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft, die fast alle im Holocaust ermordet wurden.

Martin Landstätter hielt eine berührende Rede über das Leben von Siegfried Braun. https://www.ladstaetter.at/2026/05/25/meine-rede-zur-enthuellung-stein-der-erinnerung/   

 

Meine Rede zur Enthüllung: Stein der Erinnerung

Siegfried Braun (1893–1944) war ein österreichisch-tschechischer Behindertenaktivist jüdischer Herkunft und ein früher Vorkämpfer für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Nachdem er im Alter von zwölf Jahren durch eine Krankheit körperlich beeinträchtigt worden war und fortan auf einen Rollstuhl und persönliche Assistenz angewiesen war, erlebte er selbst die Abwertung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen. Dies motivierte ihn, sich aktiv dagegen einzusetzen.

Im Jahr 1926 gründete er mit Gleichgesinnten die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft, die sich für Selbstvertretung, gesellschaftliche Teilhabe und Selbsthilfe in Form von bezahlter Arbeit von Menschen mit Behinderungen einsetzte. Unter dem Motto „Arbeit, kein Mitleid! Arbeit, nicht Siechenhaus!” organisierte die Vereinigung Informationsveranstaltungen, gab die Zeitschrift Der Krüppel heraus und schuf Arbeitsplätze in eigenen Werkstätten.

Siegfried Braun ist ein Beispiel für die vielen wenig beachteten Pioniere der Behindertenbewegung jüdischer Herkunft, die Opfer des NS-Regimes wurden.

Aktuell arbeiten Angela Wegscheider und Volker Schönwiese an einer Buchpublikation und einer Wanderausstellung zur 100jährigen Geschichte der Behindertenbewegung in Österreich. 

Die aktuell verfügbaren Informationen basieren auf

Termin-Ankündigung für das Netzwerktreffen Disability Studies

Save the Date 23.10.2026 von 10-14 Uhr online via ZOOM

DiStA ist Teil des deutschsprachigen Netzwerks Disability Studies. https://disabilitystudies.de/  

Auf dem vorläufigen Programm stehen der Austausch und Mitteilungen über aktuelle Entwicklungen in den DS sowie ein kleiner interaktiver Fachvortrag. Zudem ist Zeit für die Treffen der Arbeitsgruppen vorgesehen. 

Barrieresensible Gestaltung: 

Eine Schrift-Dolmetschung wird organisiert und alle Dokumente und Dateien werden im barrierearmen Format vor der Veranstaltung im Gesamtverteiler versendet. Weitere Barrierefreiheits-Anforderungen können bis zum 15.07.2026 hier angemeldet werden:

Janieta Bartz

E-Mail: janieta.bartz@hs-duesseldorf.de

Telefon/WhatsApp: 0170 7456640

Lange Nacht der Forschung 2026: „Was ist Ableismus?“

Von Michaela Joch und Rahel More

Am 24. April 2026 fand österreichweit die Lange Nacht der Forschung statt, deren Ziel die niederschwellige Wissenschaftsvermittlung ist. Michaela Joch und Rahel More vom Institut für Bildungswissenschaft, Arbeitsbereich Inklusive Pädagogik, waren im Hauptgebäude der Universität Wien mit einer Station zum Thema „Was ist Ableismus“ vertreten. Die Station wurde in Kooperation mit Dominik Wang, Helena Auer und Jennifer Davies von den Wiener Volkshochschulen (VHS) sowie Martina Gollner von der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs umgesetzt. Unterstützt wurden die Wissenschaftlerinnen außerdem von den studentischen Hilfskräften Livia Dell’Acqua, Flora Egle und Maximilian Schlager vom Institut für Bildungswissenschaft.

Gruppenfoto an der Station von Dolmetscher:innen, VHS-Kolleginnen, Projektleiterinnen und studentischen Mitarbeitenden.

© Markus Korenjak

An der Mitmach-Station konnten sich die Besucher:innen spielerisch zum Thema Ableismus informieren und zudem unterschiedliche Möglichkeiten der Teilhabe im Wissenschaftskontext kennenlernen. Dazu zählten u.a. Wissensposter mit Beispielen für Ableismus, der Avatar der VHS, Inhalte in Leichter Sprache und Braille-Schrift sowie zugängliche digitale Inhalte über unsere zusätzliche Informations-Homepage zur Station u.a. mit Fließtext und Vorlese-Funktion. Zudem war die Möglichkeit der Dolmetschung von Inhalten in österreichische Gebärdensprache an der Station vorhanden.

Gruppenfoto an der Station von Dolmetscher:innen, VHS-Kollegin, Hilfsgemeinschaft-Kollegin, Projektleiterinnen und studentischen Mitarbeitenden.

© Johannes Hloch

Ziel unserer Station war es, den Besucher:innen den Zusammenhang zwischen Fähigkeiten, Inklusion und Exklusion zu vermitteln. Dabei ging es uns v.a. um Fragen von Behinderung, unterschiedlichen Fähigkeiten und Teilhabe. Vor Ort sowie über eine digitale Pinnwand konnten die Besucher:innen festhalten, was sie unter Fähigkeit verstehen und welche Fähigkeiten sie in ihrem Leben als wichtig erachten. So entstand eine Sammlung unterschiedlicher Fähigkeiten und wir konnten darüber vertiefte Gespräche zu Normalitätsvorstellungen und Ausschlussprozessen anregen.

Foto von Michaela auf dem Bildschirm des Avatars, im Hintergrund VHS-Kollegin und studentische Mitarbeitende bei der Station.

© Rahel More

Insbesondere der Avatar der VHS, über den Michaela Joch anwesend war, sowie die Inhalte in Braille-Schrift weckten das Interesse der Besucher:innen und ermöglichten viele Interaktionen zum Thema Ableismus. Für den Großteil waren die Inhalte unserer Station sowie der Begriff Ableismus neu, es kamen jedoch auch Personen mit Vorwissen bzw. Expert:innen zu Inklusion und Behinderung und tauschten sich mit uns aus. Kinder und Erwachsen zeigten gleichermaßen Interesse an unserer Station und so entstanden viele spannende Gespräche und gegenseitige Lernmöglichkeiten. Mit dem Avatar war es außerdem möglich andere Stationen zu besuchen und somit Einblicke in die Arbeit der Kolleg:innen zu erhalten.

Foto aus Michaelas Perspektive über den Avatar von Rahel und der Station im Hintergrund.

© Michaela Joch

Foto von Michaela über den Bildschirm des Avatars und Rahel, zwischen ihnen ein blaues Poster mit dem Text „Stop Ableism now“.

© Markus Korenjak

Foto einer Pinnwand mit vielen Zettelchen mit Definitionen von Fähigkeiten.

© Rahel More

Foto eines grauen Padlets mit weißer Schrift, mit Anleitung für Tastaturkürzel und drei Einträgen zu Fähigkeiten.

© Rahel More

Foto vom Avatar mit Rollen an einer anderen Station, Michaela am Bildschirm mit Skelett der anderen Station im Hintergrund.

© Livia Dell’Acqua

 

 

Komm zum Netzwerk-Treffen Disability Studies 24.04.2026

Das Netzwerk Disability Studies ist eine Kooperation aus verschiedenen Netzwerken, Instituten und Wissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Gegründet im Jahr 2018 auf der Berliner Disability Studies Konferenz „DisKo18“ führt es Forschende mit und ohne Behinderungen zusammen, die in ihrer wissenschaftlichen Arbeit nach den Grundzügen der Disability Studies arbeiten.

Das Netzwerk-Treffen Disability Studies findet am 24.04.2026 von 10.00 – 14.00 Uhr statt. Teilnehmen können alle über diesen ZOOM-Link:

https://uni-leipzig.zoom-x.de/j/65824299067?pwd=7QWW3clNBx93AVZiBjYkO0SVZWO9aQ.1

Die Veranstaltung ist eine Kooperation von Lehr- und Forschungsbereich Disability Studies (Uni Innsbruck), bidok (Innsbruck),  BODYS (Bochum), ZeDiSplus (Hamburg), iDiS (Uni Köln), Disability Studies Deutschland e.V. (DSD).

Es wird Schriftdolmetschung angeboten. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Hinweise zur barrierearmen Kommunikation: Es werden Schrift-Dolmetschende anwesend sein. Bitte machen Sie sich Ihr Sprechtempo wiederholt bewusst und achten darauf, sodass die Verschriftlichung parallel erfolgen kann. Bitte nutzten Sie Chatnachrichten nur für Wortbeiträge, die von der Moderation vorgelesen werden. Um eine Gleichberechtigung der Kommunikationsweisen zu gewährleisten, soll keine Paralleldiskussion im Chat entstehen.

Herzliche Grüße, Das Orga-Team  (Carolin Fleischer-Heininger, Fabian Rombach, Johanna Burk,  Johanna Leidich, Sarah Karim, Nico Leonhardt)

 

5. Österreichische Online Inter- und Transdisziplinäre Dis/Ability-Forschungswerkstatt

 

Wann: Freitag, 29. Mai 2026

Ort: Online (Link wird den angemeldeten Teilnehmer*innen zeitgerecht bekanntgegeben)

Die fünfte Inter- und Transdisziplinäre Dis/Ability-Forschungswerkstatt wird am 29. Mai 2026 stattfinden. Auch heuer laden wir Studierende, Wissenschaftler*innen und Forschende außerhalb klassischer akademischer Strukturen, die im Sinne der Disability Studies forschen, herzlich ein, sich zu vernetzen, auszutauschen und gemeinsam zu diskutieren. 

Die Teilnahme ist mit eigenem Beitrag oder als Zuhörer*in und Mitdiskutant*in ohne eigenen Beitrag möglich.

Ein Ziel von Disability Studies Austria (DiStA) ist es, die Disability Studies in der österreichischen Forschungslandschaft sichtbarer zu machen. Wir gehen davon aus, dass es in vielen Wissenschaftsdisziplinen möglich ist, kritisch und emanzipatorisch zu Behinderung(en) zu forschen und zu lehren. Dazu wurde ein Positionspapier veröffentlicht.

Thematischer Schwerpunkt 2026: Austerität, Sozialabbau und Behinderung

Die heurige Forschungswerkstatt wird vom Crip Collective organisiert – einem Zusammenschluss für behindertengeleitete Forschung und Design, u. a. im Rahmen des ERC Starting Grant finanzierten Projekts ACCESSTECH.

Einreichungen zu sämtlichen Themen sind willkommen, die für Disability Studies relevant sind. Vor dem Hintergrund massiver Einsparungen im Sozial-, Pflege- und Gesundheitsbereich setzen wir dieses Jahr zusätzlich einen thematischen Schwerpunkt auf die Auswirkungen von Austeritäts- und Kürzungspolitiken.

Wir laden insbesondere Beiträge ein, die sich kritisch mit den sozialen, politischen und ökonomischen Folgen dieser Entwicklungen auseinandersetzen: 

  • Wie verändern Kürzungen Autonomie, Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter Menschen?
  • Welche Rückschritte drohen – und welche Formen von Widerstand, Solidarität und Gegenwissen entstehen?
  • Welche Rolle können Disability Studies in diesen Auseinandersetzungen spielen – analytisch, politisch und praktisch?

Willkommen sind theoretische, empirische, methodische, künstlerische, aktivistische oder erfahrungsbasierte Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen und Positionierungen.

Format & Organisation

Die Forschungswerkstatt findet online statt und besteht aus Präsentation der Beiträge mit anschließender gemeinsamer Diskussion. Ziel ist kein Leistungs- oder Konkurrenzraum, sondern ein solidarischer Austausch auf Augenhöhe.

Anmeldung & Einreichung

Bitte melden Sie sich über das Online-Formular bis spätestens 26. April 2026 an, und geben Sie bekannt, ob Sie

  1. aktiv mit einem eigenen Beitrag teilnehmen wollen. Senden Sie uns dazu Ihren Titelvorschlag und eine kurze Beschreibung Ihres Beitrages. Eine Rückmeldung an aktiv gemeldete Teilnehmer*innen erfolgt Anfang Mai,
  2. ohne eigenen Beitrag als Zuhörer*in teilnehmen wollen,
  3. Bedarfe bzgl. der Barrierefreiheit der Veranstaltung (z.B. ÖGS-Dolmetsch) haben.

Die Teilnahme an der Forschungswerkstatt ist kostenlos. 

Das finale Programm wird Anfang Mai 2026 auf der Forschungswerkstatt-Internetseite veröffentlicht.

Die Forschungswerkstatt wird vom Crip Collective in Kollaboration mit der TU Wien für das Disability Studies Austria (DiStA) Netzwerk organisiert.

Fragen zu Barrierefreiheit oder Inhalt? Per Mail an dista-fowe@uniability.org

Liebe Grüße,

das Organisationsteam: Katharina Werner, Janis Lena Meißner

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National-Sozialismus in Österreich – In leichter Sprache – als ebook gratis downloadbar

Die Publikation von Gunnar Mertz und Lina Maisel (Haymon Verlag, 144 Seiten, erschienen im Juni 2025) steht nun auch als ebook zur Verfügung.

National-Sozialismus in Österreich. In Leichter Sprache (PHAIDRA – o:2144560)

Hier ist eine kurze Anmerkung, warum dieses Buch wichtig ist: „National-Sozialismus in Österreich. In Leichter Sprache“ macht ein schwieriges, historisch zentrales Thema für ein breites Publikum verständlich – ohne zu vereinfachen oder zu verharmlosen. Dank klarer Sprache, kurzen Sätzen und gut strukturierten Kapiteln eignet sich das Buch für Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen, für den Unterricht, die politische Bildung und für alle, die einen barrierearmen Einstieg suchen. Besonders stark ist die sensible Einordnung: Lebenläufe, historische Fakten und die Folgen für die österreichische Gesellschaft werden sachlich, respektvoll und nachvollziehbar dargestellt. Das Buch fördert Erinnerungskultur und hilft, Mechanismen von Ausgrenzung, Propaganda und Gewalt zu erkennen – Wissen, das auch heute wichtig ist, um demokratische Werte zu schützen. Wer eine barrierearme Einführung in das Thema sucht, findet hier eine sehr gute Wahl. Außerdem waren Menschen mit Behinderungen intensiv in die Entwicklung des Buches eingebunden und prüften die Texte auf Verständlichkeit.

Neuerscheinung: Disability and Poverty in Austrian Households: Analysing the Risk of Experiencing Income Poverty

Die Autorinnen Carmen Waltena-Bergmann und Angela Wegscheider haben das Risiko von Einkommensarmut in österreichischen Haushalten, in denen Menschen mit Behinderungen leben, untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass dieses erhöhte Armutsrisiko nicht vollständig durch Faktoren wie Bildung, Erwerbstätigkeit oder Migrationshintergrund erklärt werden kann. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass es einen Disability Poverty Gap gibt, d. h., dass das erhöhte Armutsrisiko nicht vollständig erklärt werden kann. Es wirken schwer erfassbare bzw. messbare Faktoren wie strukturelle Benachteiligung und Vorurteile, die unabhängig von sozioökonomischen Merkmalen sind.

Disability and Poverty in Austrian Households: Analysing the Risk of Experiencing Income Poverty | Scandinavian Journal of Disability Research

Der Artikel kurz zusammengefasst:

Der Artikel untersucht das Risiko von Einkommensarmut in österreichischen Haushalten, in denen mindestens ein Mitglied eine Behinderung aufweist. Basierend auf Daten der European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC 2022) analysiert er, warum diese Haushalte stärker von Armut betroffen sind als Haushalte ohne behinderte Mitglieder. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob sich die höhere Armutsgefährdung durch sozioökonomische Faktoren und Haushaltsstrukturen erklären lässt oder ob tiefere strukturelle Ursachen vorliegen.

Methodik und Datenbasis

Die Analyse beruht auf 5.938 österreichischen Haushalten aus dem EU-SILC 2022-Datensatz, von denen 42 % mindestens eine Person mit Behinderung enthalten. Die Definition von Behinderung folgt der EU-SILC-Kategorie, die eine gesundheitliche Einschränkung von mindestens sechs Monaten Dauer umfasst. Mittels logistischer Regression wird das Armutsausfallrisiko der Haushalte analysiert, wobei Armut definiert ist als ein Einkommen unter 60 % des nationalen Medians nach Sozialtransfers. Zusätzlich wird eine Blinder–Oaxaca-Dekomposition verwendet, um den Anteil erklärbarer und unerklärbarer Armutsrisiken zu überprüfen.

Ergebnisse: Erhöhtes Armutsrisiko trotz Kontrolle von Faktoren

Die Untersuchung zeigt, dass Haushalte mit behinderten Mitgliedern ein deutlich höheres Risiko haben, von Einkommensarmut betroffen zu sein (17 % gegenüber 12 % bei Haushalten ohne Behinderung). Zwar können wichtige Einflussfaktoren wie Erwerbsintensität, Bildungsniveau, Migrationshintergrund und Haushaltsstruktur das Armutsausfallrisiko beeinflussen, sie erklären jedoch nicht die gesamte Differenz zwischen den Gruppen. Insbesondere bei Haushalten mit Menschen mit Behinderungen bleibt somit ein Teil des erhöhten Armutsrisikos unerklärt.

Strukturierter Ableismus als Erklärung

Die Autorinnen führen das unerklärte höhere Armutsrisiko auf strukturellen Ableismus zurück – ein Konzept, das sich auf systemische, institutionelle und kulturelle Barrieren bezieht, die Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige abwerten und benachteiligen. Dieser Ableismus äußert sich in diskriminierenden Einstellungen und Vorurteilen, unzureichender sozialer und beruflicher Unterstützung sowie politischen Rahmenbedingungen, die auf normalisierte Erwerbsbiografien ausgerichtet sind und spezifischere Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen nur unzureichend berücksichtigen.

Kontext des österreichischen Sozialsystems

Die Studie betont den Einfluss des konservativ-korporatistischen österreichischen Wohlfahrtsstaates, der stark an Erwerbsarbeit gekoppelte soziale Absicherung sowie familienbasierte Pflege vorsieht. Dies führt zu institutionellen Hürden bei der sozialen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, da Unterstützungsleistungen fragmentiert und bedarfsgeprüft sind und häufig auf familiäre Versorgung abstellen. Solche Strukturen verstärken die Armutsgefährdung trotz formaler sozialer Sicherheit.

Schlussfolgerungen und Handlungsbedarfe

Die Autorinnen plädieren für eine vertiefte Forschung zur Identifikation der strukturellen Ursachen und Diskriminierungsmechanismen. Gleichzeitig fordern sie politische Maßnahmen, die Barrieren abbauen, inklusive Beschäftigung fördern und solidarische Unterstützungsstrukturen schaffen, um das Armutsrisiko von Haushalten mit Menschen mit Behinderungen zu reduzieren. Eine stärkere Einbeziehung dieser Personen in die Gesetzgebung und Umsetzung sozialpolitischer Maßnahmen wird als zentral erachtet, um ihre Rechte und eine selbstbestimmte Lebensführung zu gewährleisten.

Ableism in Academia – Strategien für die inklusive Hochschulpraxis

Unter diesem Titel diskutierte Nicole Brown (University College London) Strukturen und Kulturen, die die akademische Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und neurodivergenten Personen erschweren. Die Veranstaltung fand am 4. November 2025 statt und wurde von der Abteilung Gleichstellung, Chancengerechtigkeit und Vielfalt sowie dem Betriebsrat für das wissenschaftliche Universitätspersonal an der Johannes Kepler Universität Linz organisiert.

Unsichtbarkeit und strukturelle Ausschlüsse

In ihrer Einleitung zum Thema benannte die Moderatorin Angela Wegscheider einen zentralen Widerspruch: Würde sich der Anteil von Menschen mit Behinderungen in der österreichischen Bevölkerung (etwa 15 %) auch in der Universitätsstatistik widerspiegeln, müssten an der JKU rund 3.500 Studierende und 450 wissenschaftlich Beschäftigte mit Behinderungen erfasst sein. Die tatsächlichen Zahlen liegen jedoch deutlich darunter, was auf fortbestehende Barrieren im Bildungs- und Wissenschaftssystem hindeutet.

Nicole Brown verdeutlichte in ihrem Vortrag, dass Ableismus – also die gesellschaftliche und institutionelle Bevorzugung nichtbehinderter Normen – an Hochschulen tief verankert ist. Strukturelle Unsichtbarmachung, mangelnde Sensibilität bei Universitätsangehörigen und institutionelle Praktiken führen dazu, dass viele behinderte oder chronisch kranke Personen ihre Beeinträchtigung nicht offenlegen. „Disclosure“, so Brown, sei meist ein komplexer Aushandlungsprozess zwischen Risiko und Notwendigkeit, eine „Cost-Benefit-Analyse“ im Spannungsfeld von Stigma und Selbstschutz.

Forschungsperspektive: Embodied Inquiry

Methodisch präsentierte Brown ihren Ansatz der „Embodied Inquiry”, bei dem körperliche und sinnliche Erfahrungen als zentrale Wissensquelle betrachtet werden. Dadurch wird Forschung zu einem relationalen, verkörperten Prozess, der über sprachliche Repräsentationen hinausgeht. Mithilfe kreativer und visueller Methoden, wie der Gestaltung von „Identity Boxes” oder bildhaften Darstellungen akademischer Räume, versucht Brown, individuelle Erfahrungswelten sichtbar zu machen und institutionelle Strukturen erfahrbar zu kritisieren.

Dieser Forschungszugang ist auch theoretisch in der Phänomenologie und Hermeneutik verankert und knüpft an gegenwärtige Diskussionen in den Disability Studies über affektive, leibliche und epistemische Dimensionen von Behinderung an.

Wege zu inklusiver Praxis

Am Ende gab Brown noch praktische Empfehlungen. Auf persönlicher Ebene plädierte sie für ein Klima der Offenheit, gegenseitiger Unterstützung und Solidarität. Auf institutioneller Ebene forderte sie, Prekarität und befristete Verträge abzubauen, flexible Arbeitsmodelle auszubauen und universitäre Richtlinien im Hinblick auf Diskriminierungsrisiken und Ableismus systematisch zu überprüfen. Förderinstitutionen sollten, so Brown, inklusive Kriterien entwickeln, die unterschiedliche Lebensrealitäten anerkennen und strukturelle Ungleichheiten nicht reproduzieren.

„Nothing about us without us“

Den Abschluss bildete der Aufruf, Behinderung nicht länger als Randthema, sondern als zentralen Bestandteil wissenschaftlicher Kultur zu verstehen. Die Weiterentwicklung der Universität in Richtung mehr Inklusion, auch in der Lehre, und Forschung dazu muss mit dem Prinzip „Nothing about us without us“ verbunden sein. Dazu müsse die Universität attraktiv für mehr Menschen mit Behinderungen sein.

Die lebhafte Diskussion im Anschluss zeigte das große Interesse an der Frage, wie sich diese Ansätze in den universitären Alltag und die Forschungspraxis übersetzen lassen.

In ihrem Vortrag verdeutlichte Brown, dass Inklusion nicht allein eine Frage der Barrierefreiheit ist, sondern eine grundlegende kulturelle Veränderung in Haltung und Wahrnehmung erfordert. Weitgehende Barrierefreiheit ist eine Notwendigkeit, Vielfalt eine Ressource.

Invisible Barriers, Embodied Knowledge: Rethinking (Dis)Ability and Inclusion in Academia

The Division of lnclusive Education at the Vienna university invites to a lecture and workshop on this topic. Both will be held in English, and discussions will take place in English and German. The events are organised by Michaela Joch and Sabine Weiß. Both events are open to students from all disciplines and to the interested public

Disclosure dances: disabled, chronically ill and/or neurodivergence in academia
Lecture by Prof. Dr. Nicole Brown

Monday, 3 November 2025, 12:00-13:30
Lecture HaII 1, Sensengasse 3a
and via Zoom: https://univienna.zoom.us/j/64725339475?pwd=9CLNOANXyvMZHMLhr22t0BqWuqDIyC.1
Meeting passcode: 624449


Where are all the disabled academics? From statistics we know that disclosure of (dis)abiIity rates amongst academic staff and postgraduate research students are much lower than in the general population or amongst undergraduate students. However, there is no evidence that invisible disabilities are less prevalent in higher education. In this presentation, Nicole Brown draws on her extensive research into the lived experience of ableism in academia to explore disclosure. Brown commences with a brief introduction to Embodied Inquiry and her use of creative research methods for data collection. She then discusses how individuals are struggling to reconcile working and studying in what appears to be an inclusive environment with the realities of negotiating structural barriers, attitudinal challenges and managing symptoms of their conditions. Brown concludes with some suggestions on what we can do as individuals to improve practices within academia and thereby support those with disabilities, chronic illnesses and/or neurodivergences.

AbIeism in Academia – Being DisabIed,ChronicaIIy iII and/or Neurodivergent in Higher Education
Workshop by Prof. Dr. Nicole Brown

Monday, 3 November 2025, 14.00-16.00
Lecture HaII 1, Sensengasse 3a


In a subsequent workshop, participants are invited to explore the topic in more depth and engage in further exchange. Please note that the workshop is offered exclusively on-site, and due to limited space, the number of participants is restricted; therefore, registration is required. To participate, please send an informal email to Adrijana Novakovic (adrijana.novakovic@univie.ac.at) by 30 October 2025. No registration is required for attending the lecture.

Academia as an environment is often difficult to navigate for staff and students who have disabilities, chronic illnesses and/or neurodivergence. In this workshop, attendees will take an autoethnographic, reflexive approach to exploring disabilities, chronic illnesses and neurodivergence in academia. Delegates engage with theoretical approaches from disability studies, sociology and education, and connect these with representations of academics and academia in popular culture, film, media, and literature. Through these conceptualizations along with practical examples, strategies, and an emphasis on developing action points, attendees develop insight into the reality and lived experience of those in academia with disabilities, chronic illnesses and/or neurodivergence, and how to make academia more accessible.

Dr Nicole Brown is Associate Professor at the UCL Institute of Education. A leading voice in embodied research, she draws on creative, arts-based methods to challenge conventional approaches to researching ableism, disability, chronic illness, and neurodivergence in higher education. Her research foregrounds lived experience and advocates for new ways of listening, speaking, and representing experience that drive cultural, institutional, and structural change. Nicole’s publications include Lived Experiences of Ableism in Academia: Strategies for Inclusion in Higher Education and Ableism in Academia: Theorizing Experiences of Disabilities and Chronic Illnesses in Higher Education. Her next book will be the creative anthology Exceptionally Able.

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