Partizipative Forschung

Der Wortteil „Partizip“ setzt sich laut Herkunftswörterbuch aus zwei lateinischen Wörtern zusammen: pars = Teil und capere = nehmen, fassen. Dementsprechend beschreibt das Duden Fremdwörterbuch „partizipieren“ folgendermaßen: „von etwas, was ein anderer hat, etwas abbekommen“ bzw. „teilhaben“. Beide Bedeutungen sind für den Zusammenhang zwischen Partizipation und behinderten Menschen sehr wichtig, da diese von der gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe in vielfältiger Weise ausgeschlossen werden. Wenn z. B. behinderte Mädchen und Buben nicht die gleiche Schule wie ihre nichtbehinderten AltersgenossInnen besuchen können, wenn öffentliche Verkehrsmittel für RollstuhlfahrerInnen nicht benutzbar sind oder wenn Informationen für sinnes- oder lernbehinderte Personen nicht zugänglich sind, dann bekommen behinderte Menschen von dem, was andere haben, etwas nicht ab. Oder anders ausgedrückt: Dann gibt es für sie keine gleichberechtigte Teilhabe an zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Partizipative Forschung bedeutet den Anspruch der Partizipation auf wissenschaftliche Forschung zu übertragen. Ziel dieses Ansatzes ist es, die bei der Produktion von Wissen typischerweise zwischen ForscherInnen und Beforschten bestehenden Machtverhältnisse derart zu verschieben, dass die ForscherInnen Macht und Entscheidungsgewalt abgeben und die Beforschten Einfluss erhalten. Konkret heißt partizipative Forschung, dass Personengruppen, die von einer wissenschaftlichen Fragestellung betroffen sind bzw. die selbst der Inhalt eines Forschungsvorhabens sind, am Forschungsprojekt direkt beteiligt sind.

Im Forschungsprojekt „Das Bildnis eines behinderten Mannes“ wurde dieser Ansatz konkret erprobt und umgesetzt: Da die bildliche Darstellung behinderter Menschen das zentrale Thema war, lag der partizipatorische Anspruch darin, Frauen und Männern, die in ihrer Lebensgeschichte die Erfahrung des Behindertwerdens gemacht haben, aktiv zu beteiligen. Die Umsetzung erfolgte durch folgende zwei Strategien: Einerseits waren der Projektleiter und eine wissenschaftliche Mitarbeiterin behindert, andererseits sollte die Perspektive Betroffener durch die Zusammenarbeit mit einer Referenzgruppe besonders gestärkt und strukturell im Konzept des Forschungsprojekts verankert werden. Im Sinne des bekannten Slogans der Selbstbestimmt Leben Bewegung „Nichts über uns ohne uns“ sollte so der Einfluss behinderter Frauen und Männer auf den Verlauf und die Ergebnisse des Projekts sichergestellt werden (vgl. http://bidok.uibk.ac.at/projekte/bildnis/index.html)

Von Petra Flieger

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