Soziales Modell von Behiderung

Das soziale Modell von Behinderung ging aus der Behindertenbewegung hervorging (Hughes / Paterson 1997, 328) und stand in den letzten Jahrzehnten im Mittelpunkt der Disability Studies. Der Begriff selbst wurde vom Sozialwissenschaftler Michael Oliver geprägt.

Er grenzt das Modell von der im medizinischen Feld vorherrschenden Sicht auf Behinderung als individuell körperliche Abweichung von allgemeinen Funktionsnormen ab. Dieser körperlich medizinische  Aspekt wird im Rahmen des sozialen Modells als Beeinträchtigung bzw. Schädigung (impairment) bezeichnet. Das Interesse der Disability Studies gelte jedoch der Behinderung (disability), d.h. der systematischen Benachteiligung und Ausgrenzung von Menschen mit Beeinträchtigung (Waldschmidt 2005, 18).

Behinderung wird nicht als individuelles Schicksal oder als tragische Pathologie, sondern als soziales Unterdrückungsverhältnis verstanden.  Die British Union der Körperbehinderten (UPIAS) fasst den Unterschied zwischen Beeinträchtigung und Behinderung so zusammen:

„Disability is something imposed on top of our impairment, by the way we are unnecessarily isolated and excluded from full participation in society. Disabled people are therefore an oppressed group” (zit. nach Kastl 2017, 48).

Auch der Slogan : “Disabled by society, not by our bodies” – drückt den mit dem Modell verbundenen Perspektivwechsel aus, genauso wie der deutsche Slogan der Aktion Sorgenkind aus den 1990er Jahren: “Wir sind nicht behindert, wir werden behindert” (zit. nach Kastl 2017, 48).

Da also die Ursache der Behinderung nicht in den Einzelnen, sondern in der ungenügenden gesellschaftlichen Umwelt verortet wird, muss sich auch primär die Gesellschaft und nicht das Indviduum ändern (Waldschmidt 2005, 18). Von diesem Modell lassen sich also politische Forderungen zum Abbau von sozialen Inklusionsbarrieren ableiten. Solche Barrieren können physisch sein wie  z.B. Treppen und Randsteine. Es geht jedoch auch um Barrieren im übertragenen Sinn, wie schwer verständliche Texte oder ungenügend optische Kommunikation und um Stigmatisierung sowie Vorurteile (Kastl 2017,  49)

Zudem werden Behinderte durch das soziale Modell auch ermächtigt und ermutigt. Sie werden nicht mehr als zu bedauernde EmpfängerInnen von Sozialhilfe, sondern als mündige BürgerInnen gesehen. So wird Behindertenpolitik zur Bürgerrechtspolitik (Waldschmidt 2008, 18)

Während  im medizinischen Modell vor allem das Wissen professioneller ExpertInnen zählt, sind im sozialen Modell die behinderten Menschen selbst die Autoritäten. Zudem zielt letzteres nicht auf Medikalisierung sondern auf Aktivismus zum Abbau der Barrieren ab.  Goodley (2017) fasst die Unterschiede unter Bezugnahme auf Oliver folgendermaßen zusammen:

Medizinisches bzw. Indviduelles Modell Soziales Modell
Fokus auf Schädigung Fokus auf Gesellschaft
Behinderung = Beinträchtigung bzw. Schädigung Behinderung über Beeinträchtigung hinaus
Individuelle Defizite Soziale Defizite
Persönliche Tragödie Soziale Tragödie
Individuelle Rehabilitation Sozialer Wandel und Rehabilitation
Oberste Autorität: Professinelle ExpertInnen Oberste Autorität: Menschen mit Behinderung
Medikalisierung Aktivismus

(Goodley 2017, 12, Übersetzung M. F.)

Kritik am Sozialen Modell

Während die politischen Verdienste des sozialen  Modells von Behinderung  allgemein gewürdigt werden,  wird der damit verbundene wissenschaftliche Anspruch heutzutage vielseitig kritisiert (Kastl 2017, 51f.). So wird die Zweiteilung in Beeinträchtigung und Behinderung kritisiert, vor allem die alleinige Fokussierung auf die soziale Dimension. Damit überlasse man die wichtige Dimension der des Körperlichen allein dem medizinischen Feld (Hughes / Paterson 1997, 330).

Einige ForscherInnen  wollen diesen cartesianischen Dualismus überwinden und den Körper u.a. in seiner phänomenologischen Dimension wieder in den Blick bekommen.  Gerade das persönliche Erleben der Beeinträchtigung (u.a. Schmerzen, Müdigkeit etc.) ist ein wichtiger Aspekt der Lebensrealität behinderter Menschen. Vertreter des sozialen Modells meinen hingegen, dass es sich beim Fokus auf die Schädigung um sentimentale Biografien handle, zudem würde damit dem medizinisch individuellen Modell wieder Tür und Tor geöffnet (Goodley 2017, 35).

Zudem wird kritisiert, dass durch die Fixierung auf die soziale Dimension, die Beeinträchtigung selbst implizit als natürlich objektive Tatsache bestätigt wird. Poststrukturalistische TheoretikerInnen meinen dagegen, dass auch die Schädigung sozial konstruiert sei und Kritische Realistinnen gehen davon aus, dass sie sowohl soziale als auch physische Dimensionen beinhaltet (Hughes / Patterson  1997; Vemas / Mäkälä 2008; Goodley 2017). Zudem werden körperliche Schädigung und Behinderung oft nicht mehr als streng geschieden, sondern als wechselseitig vermittelt gedacht (Kastl 2017, 53)

Weiters kritisiert Shakespeare (2006, 32 zit. nach Kastl 2017, 52) noch eine politisch motivierte kontraproduktive Übertreibung. Das Modell schadet den Interessen von Behinderten sogar, wenn Selbsthilfeorganisationen für Aspekte der Schädigung sowie medizinische Intervention und individuelle Rehabilitation abgelehnt werden.

 

Literatur

Goodley, Dan (2017). Disability Studies. An Interdisciplinary Introduction. Los Angeles: Sage.

Hughes, Bill / Paterson, Kevin (2010) The Social Model of Disability and the Disappearing Body: Towards a sociology of impairment. Disability of Society 12 (3), 325-340.

Sisti, Dominic A. (2014). Naturalism and the social model of disability: allied or antithetical? Journal of Medical Ethics 41, 553-556.

Silvers, Anita (2009). An Essay on Modeling: The Social Model of Disability. In: D. Christopher Ralston & Justin Ho (Hrsg.) Philosophical Reflections on Disability. Dodrecht: Springer, 19-36.

Kastl, Jörg Michael (2017) .Einführung in die Soziologie der Behinderung. Wiesbaden: Springer VS.

Shakespeare, Tom (2006). Disability Rights and Wrongs. Londen: Routledge.

Vehmas, Simo / Mäkelä, P. (2008). A realist account of the ontology of impairment. Journal of Medical Ethics 34; 93-95.

Waldschmidt, Anne (2005). Disability Studies: Individuelles, Soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung? Psychologie und Gesellschaftskritik 01/2005, 9-31.

 

Matthias Forstner

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