ICF – Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

Einführung

Bei der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) handelt es sich um ein Klassifikationssystem der WHO-Familie der Internationalen Klassifikationen. Das Framework wurde 2001 veröffentlicht und dient der Klassifikation bzw. Beschreibung menschlicher Funktionsfähigkeit und Behinderung (WCPT o. Jg.; Stewart/ Rosenbaum 2003; Weigl et al. 2008, S. 565; ICF 2005, S. 4, 9f., 26).

Das Übergreifende Konzept der ICF ist das der funktionalen Gesundheit (=Funktionsfähigkeit), das in seinen Komponenten (Körperfunktion und -strukttur sowie Aktivität und Partizipation) abgebildet wird (ICF 2005, S. 4f.). Innerhalb jeder Komponente werden Domänen sinnvoll gruppiert aufgelistet (ICF 2005, 26). Zusätzlich werden noch Kontextfaktoren betrachtet, die die Funktionsfähigkeit fördern oder hindern können (Stewart/ Rosenbaum 2003; WCPT o. Jg.).

Das Modell der ICF ist mehrperspektivisch und holistisch, es beruht auf einer Synthese des medizinischen und sozialen Modells von Behinderung. Es handelt sich um einen biopsychosozialen Ansatz. Im Zentrum liegt die Dichotomie der beiden Oberbegriffe Funktionsfähigkeit (funktionale Gesundheit) und Behinderung. Sie werden aus der biologischen, individuellen und sozialen Ebene betrachtet (ICF 2005, S. 25; Seger et al. 2006, S. 7; Stewart / Rosenbaum 2003; Weigl et. al 2008, S. 565).

Funktionale Gesundheit einer Person liegt vor wenn:

  • ihre körperlichen (inklusive psychischen) Funktionen und Strukturen, denen eines gesunden Menschen entsprechen,
  • sie all die Aktivitäten tun kann, die von normalen Menschen erwartet werden und
  • sie ihr Dasein in allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, in vollen Umfang entfalten kann – wie es von Menschen ohne Gesundheitseinschränkungen zu erwarten ist. (ICF 2005, S. 4)

Behinderung wird definiert als Beeinträchtigung der funktionalen Gesundheit. Das Konzept fungiert als Überbegriff für (Körper-)Schädigung und Beeinträchtigung von Aktivität und Partizipation. Behinderung bezeichnet die negativen Aspekte der Interaktion zwischen Gesundheitsproblemen und Kontextfaktoren (ICF 2005, S. 9).

 

Nutzen von ICF

Die ICF bietet  eine gemeinsame Sprache für die standardisierte Kommunikation zwischen verschiedenen Sektoren (z.B. Gesundheitswesen, Rehabilitation, Sozial- und Arbeitspolitik, Medizin)  bzw. AkteurInnen (z.B. Ärzte, TherapeutInnen, Kostenträger, WissenschaftlerInnen, PatientInnen) (Weigl et. al  2008, S.  565; WCPT o. Jg.; Stewart / Rosenbaum 2003; ICF 2005, S. 11). Dies minimiert Reibungsverluste und verbessert die Kommunikation, zum Beispiel  in interdisziplinären Reha-Teams (Seger et al. 2006, S. 22).

Das Framework  bietet die Möglichkeit zum systematischen Kodieren von gesundheits- und gesundheitsrelevanten Domänen und kann auch als statistisches Erhebungsinstrument herangezogen werden. So können standardisierte Daten über die funktionale Gesundheit von Personen und Populationen erhoben werden. Das ermöglicht den Datenvergleich zwischen Ländern, Regionen oder Zeitpunkten(ICF 2005, S. 10f.). Die ICF eignet sich so auch als Instrument für Planung, Entscheidungsfindung und Evaluierung in der Sozialpolitik (ICF 2005, S. 10f.; WCPT o. Jg.)

Schlussendlich transportiert die ICF einen Paradigmenwechsel von einer rein diagnose- und defizitorientierten zu einer ganzheitlichem Sicht auf Behinderung. Diese Grundphilosophie hinter dem Modell alleine ist wichtig für die Behindertenrechtspolitik (WCPT o. Jg.;  Seger et al. 2006, S. 22).

 

Teil 1 Funktionsfähigkeit und Behinderung

1)      Komponente des Körpers: Körperfunktionen und -strukturen

Körper bezieht sich in diesem Modell auf den menschlichen Organismus als Ganzes und umfasst auch das Gehirn und seine Funktionen, d.h. auch Geist und Seele. Die Domänen dieser Komponente werden in Körperfunktionen und -strukturen gegliedert (ICF 2005, S. 17).

Die negativen Aspekte dieser Komponente werden Schädigungen genannt. Schädigungen sind Abweichungen von allgemein anerkannten Standards des biomedizinischen Zustands des Körpers und seiner Funktionen (ICF 2005, S. 17f.).

Domänen der Körperfunktionen

Unter Körperfunktionen werden die physiologischen und psychologischen Funktionen der Körpersysteme aufgelistet (z.B.: mentale Funktionen, sensorische Funktionen und Schmerz, Verdauung) (WCPT o. Jg.; ICF 2005, S. 16f.). Eine Schädigung wird hier Funktionsstörung genannt (ICF 2005, S. 5).

Domänen der Struktur

Bei diesen Domänen werden anatomische Körperteile und -strukturen aufgelistet (z.B. Organe, Gliedmaßen , Augen) (WCPT o. Jg.; ICF 2005, S. 16). Der Schädigungsbegriff ist hier der des Strukturschadens (ICF 2005, S. 5).

 

2)      Komponente der Aktivitäten und Partizipation [Teilhabe]

Die Domänen dieser Komponenten beziehen sich nicht auf biomedizinische Aspekte, sondern auf Lebenssituationen. Dabei wird grundsätzlich zwischen Aktivität und Partizipation unterschieden. Die Auflistung der Domänen  umfasst alle Lebensbereiche (ICF 2005, S. 19).

Probleme werden in diesem Bereich Beeinträchtigung von Aktivität und Partizipation genannt (ICF 2005, S. 17). Ob es zu solchen kommt, wird von möglichen Gesundheitsproblemen und von den Kontextfaktoren beeinflusst (Weigl et al. 2008, S. 566). Festgestellt werden die Beeinträchtigungen, wenn es zu einer qualitativen oder quantitativen Abweichung kommt im Vergleich zur erwarteten Norm von Menschen ohne Gesundheitsproblem (ICF 2005, S. 21, 146).

Bei der IFC-Entwicklung war es nicht vollständig möglich, zwischen Aktivität und Partizipation [Teilhabe] zu unterscheiden. So bleibt es den AnwenderInnen überlassen, eine mögliche Einteilung vorzunehmen (ICF 2005, S. 21). Aufgelistet werden unter anderem: Lernen und Wissensanwendung, Kommunikation sowie Interpersonale Interaktionen und Beziehungen (WCPT o. Jg.).

Bei der Bewertung der Domänen wird noch zwischen Leistung und Leistungsfähigkeit unterschieden. Leistung meint die Fähigkeit unter den tatsächlich gegebenen Bedingungen (WCPT o. Jg.). Leistungsfähigkeit  bezieht sich auf dieselbe Möglichkeit unter idealen und standardisierten  Bedingungen (WCPT o. Jg.; ICF 2005, S. 17, 20; Stewart / Rosenbaum 2003).  Am Unterschied zwischen tatsächlicher Leistung und Leistungsfähigkeit, lässt sich der Einfluss der Umweltbedingungen ablesen (ICF 2005, S. 20).

 

Domänen der Aktivität

Unter Aktivität wird die Ausführung einer Aufgabe oder Aktion durch ein Individuum gemeint (WCPT o. Jg. ; ICF 2005, 16). Eine Beeinträchtigung bedeutet hier eine Schwierigkeit, die Menschen bei der Durchführung einer Aktivität haben können.

Domänen der Partizipation [Teilhabe]

Mit Teilhabe ist auch das Eingebunden-sein in soziale Lebenssituationen als Teil der funktionalen Gesundheit angeführt (WCPT o. Jg. , ICF 2005, 16). Zu Beeinträchtigungen der Partizipation kommt es, wenn Menschen Probleme beim Einbezogen-sein in Lebenssituationen erleben (ICF 2005, S. 16).

 

Teil 2: Kontextfaktoren

Komponente: Umweltbezogene Kontextfaktoren

Das physische, soziale und einstellungsbezogene Umfeld in dem Personen leben und handeln kann die funktionale Gesundheit fördern oder hindern (WCPT, o. Jg.; ICF 2005, S. 16). Mit der Berücksichtigung dieser Kontextfaktoren wird dem sozialem Modell von Behinderung Rechnung getragen (Weigl et. al 2008, S.  565).

Berücksichtigt werden Umweltfaktoren auf der Ebene des Individuums (wie z.B. häuslicher Bereich, Arbeitsplatz, Freunde) und auf gesellschaftlicher Ebene (wie z.B. Infrastruktur, Technologie, Versorgungssysteme, Gesetze) (ICF 2005, S. 22; Stewart / Rosenbaum 2003).

Komponente: Personenbezogene Kontextfaktoren

Mit personenbezogenen Faktoren wird  der Einfluss des individuellen Lebenshintergrundes auf Funktionsfähigkeit und  Behinderung explizit erwähnt. Relevante Größen sind hier z.B. Alter, Geschlecht, Ethnie, Lebensstil, Bildung oder sozialer Hintergrund (ICF 2005, S. 22). Diese Faktoren werden jedoch nicht klassifiziert.

 

Wechselwirkungen der ICF-Komponenten

Gesundheit einer Person liegt vor wenn:

ICF-Modell

Dynamische Interaktion der ICF-Komponenten (ICF 2005, S. 23)

Die Abbildung verdeutlicht die dynamische Interaktikon der Komponenten. Die Funktionsfähigkeit einer Domäne wird in der konkreten Lebenssituation betrachtet. So resultiert sie aus einer Wechselwirkung zwischen Gesundheitsproblemen und Kontextfaktoren. Interventionen bezüglich einer Komponente können alle anderen Komponenten verändern (ICF 2005, S. 23; Stewart / Rosenbaum 2003). 

Kodes und Beurteilungsmerkmale

Der Gesundheitszustand bzw. der mit der Gesundheit zusammenhängende Zustand einer jeden Domäne wird mit Kodes und Beurteilungsmerkmalen abgebildet (ICF 2005, S. 27). Der Domänenkode beginnt mit einem Buchstaben zur Bestimmung der Komponente  (ICF 2005, S. 26).  Dem Buchstaben folgt eine Kapitelnummer. Die einzelnen Domänen können weiter ausdifferenziert werden. So kann z.B. die Aktivität Mobilität bei Bedarf in Sitzen, Stehen, Tragen  usw. unterteilt werden (ICF 2005, S. 26). Die Anzahl und Ziffernlänge der Kodes nimmt mit zunehmender Detaillierungsstufe zu.

Die bei Personen betrachteten IFC-Domänen,  werden durch Beurteilungsmerkmale näher spezifiziert (Schunterman 2004). Das erste Beurteilungsmerkmal ist für alle Items das allgemeine Ausmaß des Problems. Je nach Komponente, kann ein Problem eine Körperschädigung, Beeinträchtigung oder Barriere sein (ICF 2005, S. 27). Die Kodierung kann sehr aufwänding sein. Um die Kodeanzahl überschaubar zu halten, wurden ICF Core Sets entwickelt. Das sind Kodes, die für die Beschreibung spezifischer Gesundheitsstörungen entwickelt wurden (Weigl et al. 2008, S. 568).

Das Ausmaß des Problems wird mit numerischen Ratings von 0 bis 4 beschrieben. Bei den Umweltfaktoren wird auch noch angegeben, ob sie sich positiv (Förderfaktoren) oder negativ (Barrieren) auswirken. Für die Verständlichkeit werden auch unterschiedliche, domänenspezifische verbale Qualifizierungsbegriffe (z.B. „ohne“, „mittel“) angegeben (ICF 2005, S. 27) .

Zudem können weitere Beurteilungsmerkmale eingesetzt werden. So können z.B. Leistung und Leistungsfähigkeit mit und ohne dem Einsatz von Hilfsmittel oder Assistenz beurteilt werden (WCPT o.  Jg. ; ICF 2005, S. 20).

Literatur

ICF (2005). Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung  und Gesundheit. Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information, verfügbar unter: http://www.soziale-initiative.net/wp-content/uploads/2013/09/icf_endfassung-2005-10-01.pdf

Schunterman, M. F. (2004). Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). Rehabilitationswissenschaftliche Abteilung: Frankfurt am Main, verfügbar unter: https://suchthilfe.de/veranstaltung/jt/2004/04_schuntermann_icf.pdf.

Seger, W. / Beyer, H.-M. / Cibis, W. / Gronemeyer, St.  (2006). ICF – Praxisleitfaden 1 Trägerübergreifender Leitfaden für die praktische Anwendung der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) beim Zugang zur Rehabilitation. Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR)

Stewart, D. / Rosenbaum, P. (2003). The International Classification of functioning, Disability, and Health (ICF): A Global Model to Guide Clinical Thinking and Practice in Childhood Disability. CanChild Research Centre. https://canchild.ca/en/resources/182-the-international-classification-of-functioning-disability-and-health-icf-a-global-model-to-guide-clinical-thinking-and-practice-in-childhood-disability

WCPT (o.Jg.). The ICF: An Overview. World Conference for Physical Therapy, verfügbar unter:  https://www.wcpt.org/sites/wcpt.org/files/files/GH-ICF_overview_FINAL_for_WHO.pdf

Weigl, M. / Schwarzkopf, S. R. / Stuck, G. (2008). Anwendung der ICF in der rheumatologischen Rehabilitation. In: Zeitschrift für Rheumathologie 67, S. 565–574.

 

 

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