Hofzwerge

Der historische Begriff Hofzwerge bezeichnet kleinwüchsige Männer und Frauen, die im späten, ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit bis in das 18. Jahrhundert (Renaissance, Barock) an europäischen Herrscherhäusern zur Unterhaltung und Zerstreuung, speziell auch als „Hofnarren“ eingesetzt wurden. Sie konnten auch zum Hofstaat gehören (Fröhlich, S. 506).

Doch ging es den Königen und Kaisern auch um das Sammeln von Kuriositäten (siehe Teratologie, Prodigies) (Ghadessi, S. 271). In dieses Schema passen auch die organisierten „Zwergenhochzeiten“ (Russland, Österreich), die zur „Züchtung“ von „Zwergen“ dienten. Bekannt sind sie vor allem auch durch die gemalten Porträts des spanischen Malers Diego Velázquez („Las Meninas“ = Mari Barbola (Maria Barbara) Asquin oder  „El bufon don Sebastian de Morra“). Hofzwerge gab es u.a. an polnischen,  russischen, habsburgischen  (Spanien und Österreich), englischen und französischen Kaiser- und Königshöfen. Auch  die Florentiner Familie der Medici „besaß“ Hofzwerge. Ihre Namen waren Bebe, Jacob Ries, Perkeo, Mrs. Tomysen,  Louisillo, Jeffrey Hudson, Sebastian de Morra oder Johann Berens Heistermann – um nur einige von ihnen zu nennen. Johann Berens Heistermann wurde sogar in den Adelsstand gehoben.

Die positiven Aspekte ihres Lebens waren eine gesicherte Existenz (Bezahlung), schöne Kleider (wenn die Kleinwüchsigen wahrscheinlich eher Anziehpuppen glichen), manchmal sogar rechtliche Gleichstellung am Hof (Ghadessi, S. 273)  und selten, aber doch Liebesglück (für Boruwlaskis Liebe, Isalina, setzte sich der König ein (Boruwlaski, S. 48ff.)) fanden.

Die Dehumanisation von Hofzwergen sei an folgendem Beispiel gezeigt: „Bei einem anderen Mal[…]nahm sie (die Kaiserin Maria Theresia, Anm. des Autors) mich (Boruwlaski) auf Ihren Schoß[…]“ (Boruwlaski, S. 27). Der Hofzwerg wird dann zu einer Sprechpuppe degradiert (Vgl. ebenda, S. 28) und somit nicht als erwachsener Mann angesehen.

Der französische Hofzwerg Nicolas Ferry und der polnische Hofzwerg M. Joseph Boruwlaski standen der Erklärung des Begriffes Zwerg in der Enzyklopädie von Diderot und d´Alembert Pate (Encyclopedie, S. 673ff.).

Die Kontinuität der Geschichte der Hofzwerge  ergibt sich aus der Tatsache, dass Kleinwüchsige später (19. bzw. 20. Jahrhundert) als „Freaks“ in Freakshows für das „gemeine Volk“ präsentiert wurden. Auch in heutigen Medien (Film und Fernsehen) spiegelt sich diese Geschichte wider, wenn Kleinwüchsige in erniedrigenden Rollen (als „Fantasiegestalten“) nur dem Amüsement der Konsumenten dienen.

Von Christian Müllner

 

Literatur:

Boruwlaski, Joseph: Memoirs of count Boruwlaski, Durham 1820, als download: http://archive.org/stream/memoirsofcountbo00boruuoft#page/n7/mode/2up  vom 20. Mai 2013

Diderot,Denis/ D´Alembert, Jean Le Ron : Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Bd. 22, Genéve 1778, S. 673-676, als download: http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10351456_00681.html vom 18. Mai 2013.

Flögel, Karl Friedrich: Geschichte der Hofnarren, Liegnitz/Leipzig 1789, als download:  http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10716717_00538.html vom 13. Mai 2013

Ghadessi, Touba: Inventoried monsters. Dwarves and hirsutes at court. In: Journal of History of Collections, 23 Jg. Nr. 2 (2011), S. 267-281.

Gottwald, Claudia: Lachen über das Andere. Eine historische Analyse komischer Repräsentationen von Behinderung, Bielefeld 2009.

Gugitz, Gustav: Zwerge und Mohren in Alt-Wien. Ein Beitrag zur Sittengeschichte. In: Wiener Geschichtsblätter, 14. Jg. Nr. 1 (1959), S. 32-36.

Nick, Friedrich: Die Hofnarren, Lustigmacher, Possenreißer, Volksnarren älterer und neurer Zeiten, Stuttgart 1861, als download: http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/goToPage/bsb10574374.html?pageNo=617  vom 14. Mai 2013

Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv, Adelsarchiv, Reichsadelsakten Heistermann, Johann Berens (Wien, 17. September 1717).

Petrat, Gerhard: Die letzten Narren und Zwerge bei Hofe. Reflexionen zu Herrschaft und Moral in der Frühen Neuzeit, Bochum 1998.

Schlager, J.: Die Kammerzwerge und Zwerginnen am römischen Kaiserhofe vom Jahre 1543-1715. Aus dem handschriftlichen Nachlasse. In: Blätter für Landeskunde von Niederösterreich 2 (1866), S. 213-216, 229-232.

Vulpius, Christian Friedrich: Curiositäten der physisch-literarisch-artistisch-historischen Vor- und Mitwelt: zur angenehmen Unterhaltung für gebildete Leser, Bd. 3, Weimar 1813  als Download: http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10135580_00048.html vom 23. Mai 2013

2 Gedanken zu „Hofzwerge

  1. Mark Rosen

    The Court Dwarf Jacob Ries is my Ancestor. A Kupferstiche or Copper Engraving has been in my Family’s posession for more than 300 years. Am writing a book on him and any more information on his 92 year career would be most welcome. Will share more if you write me..

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